Geht es nach den einschlägigen Wettbüros, heißt der Nächste auf dem Stuhl Petri Pietro Parolin. Den Norditaliener, der zwölf Jahre lang oberster Unterhändler des Papstes war, kennen fast alle im weiten Kardinalsuniversum. Und seine Qualitäten im Umgang mit Problemen in Kirche und Welt sind Gold wert.
Als Papst wäre der erfahrene Kirchenmann mit 70 Jahren noch jung genug. Er ist diplomatisch mit allen Wassern gewaschen und in vielen Themen zu Hause. Dass er kaum pastorale Erfahrung als Bischof oder Seelsorger hat, sehen manche als Mangel. Doch hat er deshalb wohl kaum Leichen im Keller, was den Umgang mit Verdachtsfällen von sexuellem Missbrauch angeht. Und: Durch den Finanzskandal im Staatssekretariat um seinen Vertreter Giovanni Becciu und den folgenden vatikanischen Strafprozess kam er weitgehend ungeschoren hindurch.
Obwohl enger Mitarbeiter von Franziskus, steht Parolin nicht im Ruf, eine Neuauflage des charismatischen Papstes sein zu wollen. Im Gegenteil: Parolin gilt als eher langweiliger Bürokrat, der aber versteht, die Fäden zusammenzuhalten. Nebenbei: Nach fast 50 Jahren wäre der Mann aus Schiavon in der Provinz Vicenza endlich der von vielen Landsleuten ersehnte Italiener auf dem Papstthron - der aber dank seiner breiten Erfahrung die Welt im Blick hat.
Schon früh trat der Doktor des Kirchenrechts in den diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls ein. Nigeria, Mexiko, Spanien, Andorra, San Marino, Venezuela: Vielfältig sind die Stationen des Mannes, der neben Italienisch auch Spanisch, Französisch und Englisch spricht. Über die Jahre erzielte er für den Papst diplomatische Erfolge in Vietnam, Israel oder China. Entsendungen zum G-20- oder UN-Klimagipfel, in die Ukraine oder den Libanon weisen ihn als gewieften Verhandler aus.
2002 wurde er Vize-Außenminister des Vatikans, 2009 Bischof. Franziskus ernannte ihn kurz nach seiner Papstwahl 2013 zu seinem Staatssekretär und holte ihn 2014 in die Kardinalskommission, die ihn bei der Kurienreform unterstützen sollte.
Während des Klinikaufenthalts von Franziskus durfte Parolin als einer der wenigen ans Krankenbett des Papstes. Und als Nummer zwei des Vatikans kam es ihm zu, Staatsgäste zu empfangen und wichtige Gespräche zu führen. Als Papst würde er dies fortsetzen - aber auf einer noch höheren Ebene.