Union und SPD möchten Patienten künftig besser steuern. Der Hausarzt soll laut Koalitionsvertrag im Regelfall die erste Anlaufstelle werden. Aus Sicht der Deutschen Stiftung Patientenschutz eine Fehlsteuerung.
Die Pläne von Union und SPD für eine eingeschränkte freie Arztwahl sehen Patientenschützer mit großer Skepsis. "Noch gibt es die schwarz-rote Koalition gar nicht. Doch die Pläne zur Steuerung der Patienten stoßen jetzt schon auf Ablehnung in der Bevölkerung", sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Berlin.
Die Mehrheit der Bevölkerung glaube nicht daran, dass bessere Patientenversorgung, zeitnahe Facharzttermine und eine Kosteneinsparung in Milliardenhöhe so möglich seien, führte Brysch weiter aus. Zwar würden die geplanten Jahresüberweisungen Hürden für chronisch Kranke senken. "Doch 50 Prozent der Erwachsenen sind chronisch krank. Damit wird klar, dass nicht die Hälfte der Betroffenen zur ausgewählten Gruppe zählen kann", gab Brysch zu bedenken. Nicht nur hierzu schweige der Koalitionsvertrag.
"Auch gibt es bereits Regionen, in denen Primärpraxen keine Neupatienten mehr aufnehmen. Daher besteht die große Gefahr, dass die neue Bürokratie den Betroffenen mehr schadet als nützt", klagte der Patientenschützer. Im schlimmsten Fall müssten Kranke für ihre bedarfsgerechte Versorgung privat aufkommen.
Union und SPD haben sich in ihrem Koalitionsverhandlungen auf die Einführung eines "verbindlichen Primärarztsystems" verständigt. Ein einziger Arzt soll für Patienten erste Anlaufstelle sein und nur im Bedarfsfall an Fachpraxen weiterleiten. Ausgenommen sind Gynäkologen sowie Augenärzte. Dem Koalitionspapier zufolge soll das System ab 2028 zu Einsparungen von zwei Milliarden Euro jährlich führen.
Eine Forsa-Umfrage im Auftrag des "Stern" hatte Anfang April ergeben, dass 49 Prozent der Deutschen den verpflichtenden Gang zum Hausarzt vor einem Facharzttermin nicht sinnvoll finden. 46 Prozent befürworteten hingegen den Plan.