Wandel: Darauf hofft Ismaila für seine Heimat Senegal. Wenige Tage vor der Parlamentswahl steht der 19-Jährige damit nicht alleine da. Es ist der erste Urnengang unter der neuen Regierung, die in vielen Bereichen einen radikalen Kurswechsel versprochen hatte.
„Normalerweise erhalten die Parlamentswahlen in Senegal keine allzu große Aufmerksamkeit und die Wahlbeteiligung ist traditionell eher niedrig“, sagt Ababacar Fall, der Leiter des senegalesischen Demokratieinstituts Gradec. Bei den vergangenen Parlamentswahlen im Jahr 2022 habe nur etwa die Hälfte der rund sieben Millionen Stimmberechtigten gewählt. Dieses Mal aber könnte es anders aussehen.
Knapp 7,5 Millionen Menschen sind für die Wahl am 17. November registriert, bei einer Gesamtbevölkerung von knapp 18 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Im Gegensatz zu vorherigen Wahlen seien die Menschen politisch mobilisiert, sagt Fall.
Das liegt auch an dem Duo, das den Senegal seit April regiert. Die Hoffnungen, die in Präsident Diomaye Faye und Premierminister Ousmane Sonko gesetzt werden, sind enorm. Vor allem unter der jungen Bevölkerung haben sie großen Rückhalt. Faye und Sonko hatten im Wahlkampf angekündigt, Rohstoffverträge neu zu verhandeln und politische Institutionen zu reformieren. Zudem wollen sie den Senegal unabhängiger machen von der früheren Kolonialmacht Frankreich.
Auch Ismaila, der seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will, unterstützt die Pastef-Partei der beiden Politiker. Er hofft vor allem auf Arbeitsplätze und bessere Lebensbedingungen. Ähnlich wie viele seiner Freunde denkt er über die Migration nach Europa nach. Gäbe es Arbeit und Perspektiven, würde er bleiben. Doch seit seinem Schulabschluss vor einem Jahr sei er auf der Suche nach einer Beschäftigung, sagt Ismaila.
Dem Regierungswechsel im Senegal war eine schwere politische Krise vorausgegangen. Der linkspopulistische Politiker Sonko, der auch Gründer der Pastef-Partei ist, durfte aufgrund eines Gerichtsurteils nicht bei der Präsidentschaftswahl kandidieren. Für ihn sprang sein langjähriger Freund und Parteikollege Faye ein. Der ursprünglich für den 25. Februar vorgesehene Urnengang war von Amtsvorgänger Macky Sall zunächst abgesagt und dann um etwa einen Monat verschoben worden.
Im Parlament ist die Pastef-Partei von Faye und Sonko derzeit in der Minderheit. Auf sie entfallen lediglich 56 der insgesamt 165 Sitze. Die Mehrheit wird noch von Politikern des abgewählten Präsidenten Macky Sall gehalten. Die Auflösung der Nationalversammlung begründete Faye im September unter anderem mit dem „Blockade-Kult“ im Parlament. Dies habe eine „offene Zusammenarbeit“ unmöglich gemacht, sagte der neue Staatschef in einer Ansprache.
Tatsächlich sei es für Faye und seine Partei ohne Mehrheit im Parlament unmöglich, „die Reformen umzusetzen, die sie geplant haben“, sagt der Analyst Babacar Ndiaye von der senegalesischen Denkfabrik „Wathi“. Beoabchter gehen davon aus, dass die Pastef-Partei bei der nun anstehenden Wahl gewinnt.
Dass über die Zukunft des Landes an der Wahlurne abgestimmt wird, unterscheidet den Senegal von vielen anderen Ländern in Westafrika. Nicht nur in den Nachbarländern Mali und Guinea, auch in Burkina Faso und dem Niger haben sich in den vergangenen Jahren Militärs an die Macht geputscht - teils mit einer scharfen antikolonialen Rhetorik.
Der Senegal hingegen gilt als eine der stabilsten Demokratien des Kontinents. Damit dies so bleibt, arbeiten zivilgesellschaftliche Akteure auf Hochtouren. Das Gradec-Institut etwa mobilisiert zur Wahl und setzt sich für einen friedlichen Verlauf ein. Am Wahltag selbst sollen unabhängige Beobachter in allen 46 Départements des Landes stationiert werden, um mögliche Störungen zu dokumentieren. „Es ist vor allem wichtig, dass jetzt im Interesse des Landes gehandelt wird“, sagt Institutsleiter Fall.