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Nostalgische Verklärung der SED-Geschichte

UK 3/2018, Portrait Gregor Gysi (Seite 10: „Vertraut mit Hornochsen jeder Art“)
Dieser Artikel hat micht nicht überzeugen können, da er in einem Talkshow-Plauderton steckenbleibt, der das Wirken von Gregor Gysi verharmlost.
Meiner Beobachtung nach lebt G. Gysi in einer selbstgeschaffenen Welt der Vereinfachung. Dafür gibt der Artikel schon ein Beispiel: Den Kirchen weist er zu Recht die Kraft zu, allgemeine Moralvorstellungen in der Gesellschaft zu verankern. Richtig! Aber: „Wenn es sie nicht gäbe, würde es niemand tun“? Falsch: Auch der Humanismus, der sich zum Beispiel auf die Ethik der griechischen Philosophen spätestens seit Sokrates gründet, wirkt seit Langem in dieser Richtung.
Die Welt der Vereinfachungen des G. Gysi hat aber noch weit größere Dimensionen, wenn es um die nostalgische Verklärung der SED-Geschichte geht. Deutlich ist die Tendenz, Fehlentwicklungen dort zu relativieren, während solche im Westen grundsätzlich mit dem System erklärt werden: dem Kapitalismus.
Was ist das genau? Auch der DDR-Staat benötigte Kapital, nicht zuletzt, um 1400 Kilometer Grenze zur Bundesrepublik und 50 000 Mann Grenztruppen unterhalten zu können (eine Milliarde Ost-Mark pro Jahr!). Teuer war auch die höchste Zahl an Inland-Spitzeln in der Geschichte: Ein Spitzel pro 800 Einwohner.
Und darüber konnten G. Gysi und die Linken die breite Öffentlichkeit mit größtem Erfolg hinwegtäuschen: Die marode SED-Wirtschaft konnte ihre eigenen Rentner nicht versorgen. Am Tag des Zusammenbruchs der DDR waren alle Rentenkassen leer. Die teilweise einschneidenden Agenda-Reformen der Regierung Schröder wären nicht nötig gewesen, wenn die Bundesrepublik nicht die ungeheuren Schrotthalden des gescheiterten SED-Regimes hätte beseitigen müssen.
Bei seiner Begabung und seinem rhetorischen Talent wäre es seine Aufgabe gewesen, eine schonungslose und gründliche, aber gerechte Aufarbeitung der DDR-Geschichte in Gang zu setzen. Das wäre ein Verdienst von historischem Rang (gewesen)!

Manfred Günther, Minden