Raus aus dem Hamsterrad: Wer neue Verhaltensmuster etablieren will, muss sein Gehirn überlisten. Wie das funktioniert, erklärt Yvonne Diewald, Neurocoachin und Expertin für Transformation.
Kein Organ verbraucht so viel Energie wie das menschliche Gehirn - daher spart es, wo es nur kann. Für Verhaltensmuster nicht immer förderlich, vor allem, wenn man etwas verändern wollen. Ein altes Muster durch ein neues zu ersetzen, das kann schwer werden. Aber warum?
"Weil wir oft nicht erkennen, dass zuvor das alte Muster weg muss aus unserem Kopf, weil unser Gehirn, immer auf das alte zurückgreift", sagt Yvonne Diewald, Neurocoachin und Expertin für Transformation. Sie hat zu dem Thema jetzt ein Buch geschrieben: "REMIND - Dein Gehirn kann mehr als du glaubst. So befreist du dich von belastenden Mustern". Darin erklärt die Expertin, die zum Beispiel Führungskräfte eines Bonner DAX-Unternehmens strategisch beraten hat, wie man sich erfolgreich neue Verhaltensweisen aneignet.
Grundsätzlich wolle das Gehirn Energie sparen, sagt die Neurowissenschaftlerin: "Dem Gehirn ist es primär völlig schnuppe, ob wir als Mensch etwas für ein positives oder negatives Muster erachten, es ist im Gegensatz völlig wertfrei." Es verarbeite eingehende Impulse, egal ob es sich um eine Sinneswahrnehmung handele, einen Muskelimpuls oder ob es als Reaktion auf ein Verhalten, ein altes Muster "triggert", betont Diewald.
Als Beispiel nennt sie etwa eine junge Frau, die sich mehr Bewegung wünscht und einen gesünderen Lebensstil etablieren möchte. Die Klientin schilderte demnach folgendes Dilemma: "Immer wieder läuft es nach dem gleichen Muster, jedes Mal tappe ich in die gleiche Falle, jeden Abend die große Ernüchterung, nachdem ich wieder mal gescheitert bin. Morgen, morgen früh fang ich damit an, 30 Minuten Bewegung, jeden Tag, kann doch nicht so schwer sein. Und wieder war der Tag vorbei, und wieder habe ich nicht angefangen? Was läuft da eigentlich bei mir schief?"
Dass es bei der Frau nicht so laufe, wie sie sich das vorstelle, liege am bestehenden neuronalen Muster, erklärt die Expertin. Grundsätzlich wolle das Gehirn Energie sparen: "Wenn wir etwas Neues lernen, kommt unser Präfrontaler Cortex ins Spiel. Dort sitzen die so genannten Pyramidenzellen, und die brauchen unendlich viel Energie und sind sehr langsam. Das ist der Grund, warum es uns am Anfang so viel Kraft kostet, Neues zu lernen."
Sobald das Gehirn jedoch ein Muster erkenne, wolle es diesen Impuls in einen anderen Bereich des Gehirns auslagern. Dieser sitze hinten im Kopf. Die Basalganglien, die sich dort befinden, sind demnach enorm schnell und benötigen wenig Energie - ist das neue Muster also erst einmal dort verankert, ist die Veränderung geschafft. "Das Kuriose an der Sache ist: Beide Gehirnareale sind nicht miteinander verknüpft", sagt Diewald.
Angebote zur Veränderung von Gewohnheiten gibt es auf dem Coachingmarkt viele - mit einem Unterschied zu Diewalds Methode: "Sie sind damit beschäftigt, die neuen Muster zu schaffen, vergessen aber, dass wir vorne planen, doch hinten im Gehirn immer noch das alte Programm läuft - und wir keinen Zugriff darauf haben." Sie hat die Erfahrung gemacht, dass die alten Muster erst einmal rausmüssen, bevor die neuen greifen.
Was unterscheidet nun die Menschen, die ihre Ziele erfolgreich umsetzen von denen, die scheitern? Nur eine einzige Sache, sagt die Coachin: Die Erfolgreichen hätten eine Struktur im Kopf, die besage: "Ich schaffe das, komme was wolle!" Allein die Aussage: "Ja, ich versuche das mal...", sei dagegen geplantes Scheitern. "Denn das Ergebnis klar vor Augen zu haben, ist der einzige kleine, aber feine Unterschied, der den Erfolg ausmacht", so die Expertin.
Was also würde der jungen Frau helfen, die Bewegung wie geplant täglich umzusetzen? "Neben der Selbstreflektion, welches alte Muster gerade bei ihr abläuft, dieses ganz gezielt unterbrechen, immer und immer wieder. Parallel für das neue Muster Impulse setzen, und zwar so lange, bis das neue Muster auf Autopilot läuft." Ganz konkret: Wenn das alte Muster etwa aus Fernsehen und Chipstüte bestanden hat, beides am Besten aus dem Wohnzimmer verbannen. Stattdessen die Laufschuhe sichtbar neben die Eingangstür stellen und dann regelmäßig eine Runde drehen.
"Wenn es schwer wird, hilft die tiefe Überzeugung: 'Ich schaffe das!'", empfiehlt Diewald, die auch aus eigener Erfahrung spricht. Mit dieser Methode habe sie es geschafft, ihrem schwer behinderten Sohn entgegen aller ärztlicher Prognosen Laufen, Sprechen und Schreiben beizubringen.
Wenn man wirklich fokussiert bleibe, werde aus den anfänglichen Mühen irgendwann ein neues neuronales Muster, sagt sie - dann erledigen die Basalganglien den Job. Scheitern dürfe gedanklich keine Option mehr sein, denn: "Unser Gehirn kennt nur ein Ja oder Nein".