Münkler: Machtzerfall der Nazis, als die Opfer zu groß wurden

Die Deutschen waren dem Politikwissenschaftler Herfried Münkler zufolge während des Zweiten Weltkrieges lange bereit, große Opfer zu bringen. „Das nationalsozialistische Regime hatte lange von fanatischer Zustimmung gelebt. Aber als das Regime immer stärker auf die Verliererseite geriet, zerfiel die reale Macht der Nazis über die Menschen“, sagte Münkler dem Evangelischen Pressedienst (epd). Am 8. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht. Damit endete der Zweite Weltkrieg in Europa.

Wie schnell Macht zerfällt, hat Münkler am Beispiel der hessischen Kleinstadt Friedberg im Frühjahr 1945 rekonstruiert. Sein Buch „Machtzerfall“ erschien bereits 1985. Es war nach seiner Dissertation die erste Buchveröffentlichung des aus Friedberg stammenden Wissenschaftlers. Münkler beschreibt darin, wie wenig Widerstand die Deutschen den einmarschierenden amerikanischen Panzerverbänden entgegensetzten. „Es gab auch ein Aufatmen, als plötzlich keine Schüsse mehr fielen“, sagte Münkler.

Ab einem bestimmten Zeitpunkt seien die Opfer, die die Menschen für das Regime erbringen mussten, zu groß geworden, sagte Münkler dem epd. Die Bevölkerung versuchte, belastendes Material über Nacht verschwinden zu lassen, Soldaten entledigten sich ihrer Uniformen. Es herrschte ein „Ineinander“ aus Deprimiertheit, Verzweiflung und Angst vor Vergeltung - unter anderem wegen der Arisierungen von jüdischen Geschäften, die nie rückgängig gemacht wurden.

Bei der Veröffentlichung von „Machtzerfall“ 1985 habe es noch Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg gegeben, „die Menschen waren noch seelisch aufgerührt“, sagte Münkler. Heute, 80 Jahre nach Kriegsende, sei der Krieg nur noch durch Erzählungen präsent. Heldentum spiele in der Gesellschaft keine Rolle mehr. „Heute fragen wir uns mit Verwunderung, warum so viele Leute bereitwillig in den Tod gingen.“

Es könne allerdings sein, dass die Gesellschaft wieder Helden brauche und es zu einer Phase der „Re-Heroisierung“ komme, erklärte Münkler. Nach 80 Jahren zögen sich die USA aus Deutschland zurück, und zwar „auf Dauer“, wie der emeritierte Professor an der Berliner Humboldt-Universität meint. „Wir waren daran gewöhnt, uns auf die Sicherheitsleistung der USA zu verlassen.“ Jetzt stehe man vor dem Problem, für die freiheitlich-demokratische Gesellschaft selbst eine Leistung erbringen zu müssen. Münkler sieht dazu durchaus Bereitschaft: „Es gibt ein wachsendes Bewusstsein, dass die Kombination aus Sicherheit und Freiheit nicht zum Nulltarif zu haben ist.“

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