Was würden Sie im Weltall am meisten vermissen? Die Familie, die Natur oder doch die Dusche? Alexandra de Carvalho begleitet Testmissionen für die Raumfahrt. Aus ihrer Sicht lehren diese einiges für den irdischen Alltag.
Der Blick in den Sternenhimmel beruhigt, erfreut, inspiriert. So geht es auch Alexandra de Carvalho: Die Psychologin kennt seit ihrer Kindheit das Gefühl, wie die eigenen Sorgen und die eigene Person zu schrumpfen scheinen, wenn man nachts nach oben schaut. "Für mich ist das ein Anker", sagt die 35-Jährige. Heute begleitet de Carvalho neben ihrer psychotherapeutischen Arbeit im Ruhrgebiet auch sogenannte Analog-Missionen, also Testläufe auf der Erde für Raummissionen. Was sich daraus für die heutige Krisenzeit lernen lässt, beschreibt sie in ihrem soeben erschienenen Buch "Mission Fühlen".
Zusammenleben auf engem Raum, eine ungewohnte Umgebung, knappe Vorräte an Wasser und Nahrung: Der Alltag für Astronautinnen und Astronauten ist in vielerlei Hinsicht eine Extremsituation - und zugleich mit hohem Leistungsdruck verbunden, mit komplexen Aufgaben und Abläufen, die ineinandergreifen müssen. Zeit für Launen bleibt da kaum. Die Themen, die Menschen im All wie auch "ganz irdisch" im Alltag beschäftigen, gleichen einander jedoch, beobachtet de Carvalho: "Wie kommunizieren wir in Gruppen, wie kommen wir mit anderen Menschen zurecht? Am Ende geht es, neben dem Überleben in einer Extremumgebung, um das Zwischenmenschliche."
"Wie unter einer Lupe" zeige sich bei den Missionen auch, wie unterschiedlich Menschen beispielsweise mit Einsamkeit umgehen, mit Langeweile, mit Stress. Zugleich fehlten ihnen oft ähnliche Dinge: etwa die Natur - weswegen die sogenannte Habitatforschung nach Wegen sucht, mehr natürliche Elemente in Spaceshuttles zu integrieren. Sie vermissen ihnen liebe Menschen auf der Erde - weswegen Videobotschaften die sachliche Kommunikation via Mail oder Chat ergänzen. Letztere wiederum halten die Mitarbeiter bewusst sachlich, damit alle Informationen "klar und präzise im All landen". Sprich: "kein Smalltalk" und ein spezieller Wortschatz, um Missverständnissen vorzubeugen.
Es sind anschauliche Situationen, die die Autorin beschreibt, zudem zitiert sie zahlreiche Fachleute, die offenkundig für ihr Gebiet brennen. Wer sich bislang weniger mit dem Weltraum befasst hat, wird verblüfft sein, wie viele Themen einem dennoch bekannt vorkommen. Die Frage etwa, in welchen Situationen eine weite Reise anregend wirkt - und wann sie vielleicht eher einem Davonlaufen gleicht. "Meistens begleiten uns Themen", sagt de Carvalho. "Ein Perspektivwechsel schadet nie, aber zu hoffen, dass die Sorgen mich nicht jagen kommen, geht selten auf."
Aber sind Menschen, die Sterne und andere Planeten erforschen, nicht doch aus anderem Holz geschnitzt? "Es sind leistungsstarke Menschen, die mit Stress umgehen können", erklärt de Carvalho. Aber: "Das Bild des angstfreien Kampfjetpiloten, der sich auf den Weg ins All macht, um im schlimmsten Fall noch auf dem Weg todesmutig zu explodieren, hat heutzutage nicht mehr viel mit der Realität zu tun." Im Gegenteil sei ein gutes Gespür für Risiken unabdingbar, damit möglichst niemand zu Schaden komme.
Zudem verweist die Psychologin auf eine tiefe Dankbarkeit für (vermeintlich) Alltägliches, die viele Beteiligte von Raumfahrten schilderten: "Das Überleben auf der Erde ist leicht - hier gibt es Wasser, Nahrung, Duschen. Immer wieder hören wir: Krass, du kannst Luft atmen, das ist super." Eine Übung, die sich ihrer Ansicht nach in den Alltag übertragen lässt: "Man findet immer kleine Dinge, die gut gelaufen sind, vielleicht das Mittagessen mit netten Kollegen oder die Sonne, die den Schreibtisch erhellt hat."
Die Forschung zeigt, dass Menschen achtsamer mit Ressourcen umgehen, die ihnen vertraut sind: Den Bachlauf um die Ecke oder die Bäume, auf die man als Kind geklettert ist, wollen viele schützen. "Der Kritikpunkt, dass Raumfahrt klimaschädlich ist, kommt häufig", sagt de Carvalho. "Aber der Mensch hat auch nach der Entwicklung des Rades oder des Feuers nicht gesagt, gut, jetzt bleibe ich gemütlich sitzen." Es stecke im Menschen, Dinge entdecken und Grenzen ausloten zu wollen. "Das würde ich allerdings vom Weltraumtourismus einzelner Personen abgrenzen", erklärt die Expertin. "Die Ressourcen, die aufgewendet werden, tragen nicht zwangsläufig zu einem globalen Nutzen bei."
Neugierde, Interesse an neuen Erfahrungen und ein offenes Auge für die Umwelt - all das könne die Wahrnehmung der eigenen, nahen Lebenswelt verändern. Und: "Es hält frisch, wenn ich weiß, dass ich nicht alles im Leben weiß und auch nie alles wissen werde." Das Universum könne den Blick dafür weiten, "dass wir immer Neues entdecken und wachsen können". Vielleicht ja beim nächsten Blick in den nächtlichen Himmel.