In Haiti herrscht Anarchie, das Land versinkt in Gewalt. Besonders betroffen sind Frauen und Mädchen, wie der Mediziner Tankred Stöbe von "Ärzte ohne Grenzen" berichtet.
Alltag in Haiti: Frauen und Mädchen werden brutal vergewaltigt und haben kaum Aussicht auf Hilfe. Nur wenige Opfer schaffen den Weg zu medizinischer Versorgung. Die Lage in dem Karibikstaat ist völlig außer Kontrolle, bewaffnete Banden haben die Macht übernommen. Im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) beschreibt der Mediziner Tankred Stöbe von "Ärzte ohne Grenzen" die Lage vor Ort.
KNA: Herr Stöbe, wie würden sie die humanitäre Lage in Haiti beschreiben?
Stöbe: Insbesondere in der Hauptstadt Port-au-Prince kann man die Lage nur als katastrophal beschreiben und sie hat sich in den vergangenen Wochen und Monaten noch einmal verschlechtert. Die Menschen haben praktisch keine Möglichkeit mehr, sich frei zu bewegen, weil sie überall von der Gewalt bedroht sind. Frauen und Mädchen drohen vergewaltigt zu werden, wenn sie nur auf die Straße gehen.
Rund 80 Prozent der Hauptstadt sind laut Schätzungen in der Gewalt bewaffneter Banden; und wer Pech hat und am falschen Ort zur falschen Zeit ist, droht Opfer einer Schießerei zu werden. Es herrscht Anarchie; unsere Patienten und Mitarbeitenden berichten, dass sie Angst haben, auf die Straße zu gehen, weil eigentlich immer und überall der falsche Ort und die falsche Zeit ist. Wir haben in unseren Krankenhäusern einen spürbaren Anstieg von Schussverletzungen festgestellt.
KNA: Besonders prekär scheint laut lokalen Medienberichten die Lage von Frauen und Mädchen zu sein.
Stöbe: Die grausame Realität ist, dass wir allein in den vergangenen Jahren 4.000 vergewaltigte Frauen und Mädchen behandelt haben - und das ist nur ein kleiner Teil der tatsächlichen Opfer. Viele Betroffene gehen nach so einem brutalen Ereignis nicht zur Polizei, weil angesichts der Verhältnisse keine Aufklärung der Straftat zu erwarten ist. Oder sie schaffen es erst gar nicht aus dem Viertel, weil sie dann sofort wieder in Gefahr sind, erneut Opfer eines Überfalls oder einer Vergewaltigung zu werden.
Das Dramatische ist, dass diese Mädchen und Frauen aber binnen 72 Stunden Hilfe bekommen müssten, damit Verhütungsmaßnahmen oder Infektionsschutz noch greifen können. Und sie bräuchten nach einem solchen traumatischen Erlebnis natürlich auch psychologische Betreuung. Die Erfahrung besagt zwar, dass die meisten Fälle sexualisierter Gewalt im häuslichen Umfeld oder Bekanntenkreis stattfinden. Hier erleben wir aber, dass die Mehrheit der Fälle der sexualisierten Gewalt von Bandenmitgliedern verübt wird.
KNA: Sie wollen ihre Aktivitäten im Land ausweiten. Was kann man sich darunter vorstellen?
Stöbe: "Ärzte ohne Grenzen" war schon vor dem schweren Erdbeben 2010 vor Ort und genießt einen guten Ruf. Deshalb ist es uns auch möglich, überall hinzukommen, auch dort, wo andere vielleicht nicht mehr hingehen können. Das Problem ist aber, dass das für die Patienten nicht gilt. Zum Beispiel im größten Armenviertel der westlichen Hemisphäre, in Cite Soleil, ist es für die Menschen gar nicht mehr möglich, unsere Krankenhäuser zu erreichen, weil die Bandenkämpfe das verhindern.
Wir arbeiten deshalb mit Motorrädern und fahren durch die Abwasserkanalsysteme dorthin, weil die normalen Zugänge abgesperrt sind. Wir betreiben dort auch Wasseraufbereitungsanlagen, die für die 100.000 Menschen in einem andere Armenviertel 1,5 Millionen Liter Trinkwasser produzieren. Das hört sich viel an, ist aber nur ein halber Liter pro Person - also viel zu wenig.
KNA: Wie könnte man die Lage verbessern?
Stöbe: Als Arzt, der humanitäre Hilfe leistet, bin ich politisch neutral und kann deshalb keine politischen Ratschläge geben. Was ich aber sagen kann, ist, dass Haiti vom Rest der Welt vergessen wird - und dass die internationale Gemeinschaft diese Menschen nicht allein lassen darf. Es ist deutlich mehr Hilfe nötig.