Lohnfortzahlung bei Krankheit steht immer wieder in der Kritik

Von Blaumachern und Drückebergern - Hart erkämpfte Sozialleistung

Vorsorge, Fitness, Wellness - einiges lässt sich für die Gesundheit tun. Doch manche Menschen sind anfälliger oder chronisch krank. Derzeit flammt erneut eine Debatte darüber auf, ob die Deutschen zu viel blaumachen.

Krankfeiern, blaumachen, Drückeberger: Solche Wortschöpfungen zeigen, dass Arbeitnehmer, die wegen Krankheit nicht am Arbeitsplatz erscheinen, bisweilen unter Täuschungsverdacht stehen. Immer wieder flammt deshalb die Debatte darüber auf, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall einzuschränken. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) nennt wichtige Daten und Fakten.

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger fordert eine grundlegende Reform der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sowie das Ende der telefonischen Krankschreibung. Hintergrund sind zuletzt stark gestiegene Krankheitstage und eine Debatte über den Wirtschaftsstandort Deutschland. Im Vorjahr hatte Allianz-Chef Oliver Bäte die Einführung eines unbezahlten Karenztags gefordert, wenn Menschen sich krankmelden.

Arbeitnehmer in Deutschland erhalten vom ersten Tag einer Erkrankung volle Lohnfortzahlung. Sie müssen ab dem vierten Tag eine Krankschreibung des Arztes vorlegen. Der Arbeitgeber zahlt dann sechs Wochen lang 100 Prozent des Gehalts aus. Danach zahlt die Krankenkasse 70 Prozent des Lohns als Krankengeld.

Angestellte erhielten schon in den 50er Jahren eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Arbeiter erhielten ein deutlich geringeres Krankengeld - und in den ersten drei Tagen ihrer Krankheit gar nichts. 1956/57 erkämpfte die IG Metall dann in einem 16-wöchigen Streik der Werftarbeiter in Schleswig-Holstein die tarifvertraglich geregelte Lohnfortzahlung im Krankheitsfall auch für Arbeiter - einer der härtesten Arbeitskämpfe der Nachkriegsgeschichte. Dabei zahlte die Krankenkasse 90 Prozent vom letzten Nettolohn. Unternehmen und Betriebe mussten das Krankengeld auf 100 Prozent aufstocken.

Die volle gesetzliche Gleichstellung von Arbeitern und Angestellten im Krankheitsfall trat schließlich 1970 in Kraft. Seitdem sind die Arbeitgeber - durch Gesetz und Tarifverträge - überall in der Pflicht. Das hinderte allerdings die Regierung Kohl Mitte der 90er Jahre nicht, unter Verweis auf hohe Einheitskosten und schlechte Wirtschaftsdaten ein bis zwei Karenztage oder die gesetzliche Kürzung der Lohnfortzahlung von 100 auf 80 Prozent zu fordern. Bundesweit gab es Demonstrationen gegen das Gesetz. 1998 war eine der ersten Amtshandlungen von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) zum Start der rot-grünen Regierung, die volle Lohnfortzahlung wieder gesetzlich festzuschreiben.

2023 waren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland laut Statistischem Bundesamt durchschnittlich 15,1 Arbeitstage krank gemeldet. Das bedeutete einen Anstieg gegenüber 2021 um vier Krankheitstage. 2007 gab es die niedrigsten Fehlzeiten seit 1991, nämlich 8,1 Krankentage. Bis 2016 war dann ein moderater Anstieg der Krankheitstage zu beobachten, gefolgt von einer kleinen Delle in den Jahren 2017 und 2018.

Seit 2019 sind die Krankheitstage wieder gestiegen. Laut Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) hängt dies aber auch mit der guten Entwicklung am Arbeitsmarkt zusammen. Eine Untersuchung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zeigt, dass jede und jeder Beschäftigte im Jahr 2024 im Durchschnitt 20,8 Tage krank war. Diese Fehltage haben demnach Produktionsausfälle von insgesamt 134 Milliarden Euro verursacht.

Sozialverbände und Fachleute mahnen, Gesundheit nicht als Erfolgsmerkmal zu betrachten. Auch die Gene beeinflussten schließlich die Entstehung vieler Krankheiten, gab der Soziologe Friedrich Schorb zu bedenken. Zudem solle man "sich gut überlegen, ob man möchte, dass Menschen sich krank zur Arbeit schleppen". Auch der Sozialpsychologe Tim Hagemann warnte im vergangenen Jahr davor, alle unter Generalverdacht zu stellen, weil Einzelne womöglich auffällig häufig fehlten.

Andreas Storm, Vorstandschef der DAK-Gesundheit, sprach bei der vorigen Debatte von einer "wachsenden Misstrauenskultur in der Arbeitswelt", die eingedämmt werden müsse. "Unsere Studie zeigt, dass weder die telefonische Krankschreibung noch das Blaumachen die wirklichen Gründe für den sprunghaften Anstieg sind." Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, bestätigte seinerzeit, dass nicht häufiges Blaumachen der Grund für zunehmende Krankmeldungen sei, sondern die neue digitale Krankmeldung und verstärkte Infektionen. Ebenso hat die Krankschreibung per Telefon laut Bundesärztekammer kaum Auswirkungen auf die höheren Krankheitsstände.

Unter anderen hat sich Ärztepräsident Klaus Reinhardt offen dafür gezeigt, dass Beschäftigte bei leichteren Erkrankungen oder Verletzungen auch Teilzeit-Krankschreibungen bekommen könnten - also Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen für einige Stunden am Tag. Der Chef der Bundesärztekammer verweist auf eine stark veränderte Arbeitswelt, insbesondere durch die Digitalisierung und die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten. Trotzdem werde im Gesundheitswesen weiterhin nur grundsätzlich zwischen Arbeitsfähigkeit und Arbeitsunfähigkeit unterschieden. "Eine praktikable Form von Teilzeit-Krankschreibung für einige Stunden täglich könnte den neuen Möglichkeiten Rechnung tragen und für mehr Flexibilität sorgen."

👋 Unser Social Media