Die westfälische Kirchenleitung möchte die Leitung von Presbyterien verstärkt in die Hände von Ehrenamtlichen legen. Pfarrerinnen und Pfarrer sollen dadurch entlastet werden. Aber funktioniert das auch? Annelie Richwin-Krause (66) ist seit 2014 Presbyteriumsvorsitzende der Gemeinde Fröndenberg und Bausenhagen. Die Gemeinde hat rund 4200 Gemeindeglieder mit 1,5 Pfarrstellen, beschäftigt neun Angestellte und verwaltet zwei Kirchen, ein Gemeindehaus und zwei Pfarrhäuser. Im Gespräch mit Anke von Legat erzählt sie von ihren Erfahrungen.
Wie kam es dazu, dass Sie den Presbyteriumsvorsitz übernommen haben?
Das war quasi ein Notfall: Beide Pfarrer haben vor drei Jahren unsere Gemeinde gleichzeitig verlassen – aus persönlichen Gründen, nicht aufgrund eines Konfliktes. Plötzlich waren wir in unserer Gemeinde auf uns selbst gestellt. In dieser Situation habe ich mich bereit erklärt, den Vorsitz zu übernehmen, da keine gewählten Pfarrer mehr in der Gemeinde waren. Zeitgleich hatte sich eine kleine Gruppe des Presbyteriums damit beschäftigt, die Ausschussstruktur neu zu konzipieren, um damit die zukünftigen Pfarrerinnen und Pfarrer zugunsten ihrer seelsorglichen Aufgaben zu entlasten.
Wie haben Sie den Übergang geschafft?
Ich hatte nicht viel Zeit nachzudenken – es gab so viel zu tun: Wir waren mitten in einem Umstrukturierungsprozess, bei dem wir als Konsequenz der Gebäudestrukturanalyse zwei Gemeindehäuser aufgeben mussten. Geholfen hat mir, dass ich bereits in meinem Beruf als Lehrerin seit 25 Jahren Mitglied der Schulleitung war und damit einiges an Leitungserfahrung mitbrachte. Sitzungen strukturieren, vor größeren Gruppen sprechen oder Entscheidungen in der Öffentlichkeit vertreten, das kannte ich.
Wie ist das Presbyterium insgesamt mit der Situation umgegangen?
Wichtig war erst mal: Wir sind alle dabeigeblieben. Und wir hatten schon zuvor ganz viele Fachleute, die sich in den Bereichen, für die sie zuständig waren, sehr gut auskannten. Auch nach der Wahl 2016 konnten wir die Aufgaben mit aus ihrem Berufsleben qualifizierten Presbytern besetzen. So kümmert sich etwa ein Bankkaufmann um unsere Finanzen. Auf dieses Team kann ich mich absolut verlassen; jeder erledigt seine Aufgaben selbstständig. Ich muss das nur noch zusammenführen, wobei mir mein Stellvertreter eine besondere Hilfe ist.
Dazu kommt noch: Wir gönnen uns in vielen Bereichen den Luxus hauptamtlich besetzter Stellen. Wir haben eine hauptberufliche B-Kirchenmusikerin, einen Diakon für die Jugendarbeit und eine volle Küsterstelle sowie ein sehr publikumsfreundliches Büro. Die arbeiten alle eigenständig und informieren mich regelmäßig. Das entlastet mich sehr.
Haben Sie eine Einführung in Ihre Aufgaben bekommen, zum Beispiel in einer Fortbildung?
Für eine Fortbildung war gar keine Zeit, obwohl ich das gerne gemacht hätte. Ich habe mir das meiste selbst erarbeitet: die Kirchenordnung rauf- und runtergelesen und mich in den Haushalt eingearbeitet. Hilfreich war, dass die beiden scheidenden Pfarrer eine ausführliche Übergabe vorbereitet hatten. Ebenfalls sehr wichtig: die Unterstützung von den Fachleuten im Kirchenkreis. Ich konnte immer nachfragen, wenn Probleme kamen, sei es bei Finanzen, Bauangelegenheiten oder Rechtsfragen. Besonders in Zeiten der Pfarrstellenbesetzungen und der Presbyterwahl habe ich gute Begleitung durch die Superintendentur unseres Kirchenkreises erfahren.
Gab es Konflikte, die Sie als Vorsitzende lösen mussten?
Natürlich! Wir mussten zwei Gemeindehäuser aufgeben, eines davon als Predigtstätte entwidmen – können Sie sich vorstellen, wie unglaublich schmerzhaft das für viele Gemeindeglieder ist, denen es über Jahrzehnte hinweg eine Heimat war? Uns war das bewusst, und ich habe darum mit allen Gruppen gesprochen, bevor die Informationen an die Öffentlichkeit kamen. Trotzdem musste ich viele Widerstände aushalten. Das trägt man dann schon manchmal nach Hause. Ganz wichtig ist es, dass man in solchen Situationen im Presbyterium zusammenhält und sich gegenseitig unterstützt.
Waren die Pfarrerinnen und Pfarrer bereit, Ihre Leitungsrolle zu akzeptieren?
Die beiden, die wir jetzt haben, auf jeden Fall – die genießen das in vollen Zügen, dass sie von dieser Aufgabe entlastet sind. In der Phase der Vertretungen hat es aber auch mal geknirscht, weil die Pfarrerinnen das Gefühl hatten, dass ihr Einfluss schwindet. Auch für andere Mitarbeitende ist es ungewohnt, wenn der Pfarrer sonst einfach gesagt hat: So wird es gemacht. Ich setze mehr auf Team und Kommunikation und rede ganz viel mit den Leuten, um alle auf den gleichen Stand zu bringen. In der Gemeinde gab es übrigens keine Akzeptanzprobleme.
Wie viel Zeit investieren Sie in Ihr Amt?
In der Phase des Übergangs waren es sicher zehn Stunden oder mehr in der Woche. Es gab so viele Gespräche zu führen, so viele Konflikte zu lösen. Das war schon mühsam. Jetzt, wo wir wieder einen geregelten Alltag in der Gemeinde haben, rechne ich mit etwa fünf Stunden wöchentlich. Dazu kommen noch die Sitzungen und die Vor- und Nachbereitung. Ganz ehrlich: Jemand, der voll berufstätig ist, kann nicht noch ehrenamtlich ein Presbyterium leiten. Dafür hat das Amt einfach zu viel Verantwortung und kostet zu viel Zeit und Energie. Übrigens: Für einen Ehepartner ist es auch nicht ganz einfach.
Würden Sie die Aufgabe noch einmal übernehmen?
Ja, aber sicher nicht noch neun Jahre, bis ich 75 bin! Ich mache das jetzt noch ein bisschen, kann mir aber gut vorstellen, in der nächsten Wahlperiode wieder in die zweite Reihe zurückzutreten.
Was würden Sie sich an zusätzlicher Unterstützung von Ihrer Kirche wünschen?
Supervision wäre hilfreich – natürlich kostenfrei. Das gibt es ja für andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirchengemeinde auch. Und ich finde, dass die Kirchenleitung über eine Aufwandsentschädigung nachdenken sollte. Zum einen investiere ich ja wirklich neben der Zeit auch einiges an Geld. Und zum anderen wäre das auch eine Wertschätzung meiner Leistungen, auch wenn sie letztlich nur symbolisch ist.
