Russland trifft absichtsvoll unbewaffnete Menschen. Die Angreifer Putins richten Gewalt aus der Luft auf ukrainische Wohnungen und Häuser, auf Stromanlagen, Wasser- und Wärmeversorgung. Russland will, dass Bürgerinnen und Bürger der Ukraine bei hohen Minusgraden frieren und von Licht und Essen abgeschnitten werden.
Umso dankbarer zeigen sich viele Ukrainer, Zivilisten wie Soldaten, über Spenden, die ein bisschen Wärme und Licht bringen. „Dank Ihrer Hilfe haben wir im Winter nicht nur gefroren, sondern auch gehofft“, sagt eine ukrainische Mutter über Youtube. „Jede Kerze ist für unsere Verteidiger wie eine kleine Flamme der Hoffnung“, schreibt eine Ukrainerin aus frontnahem Gebiet. Auch Soldaten schicken Fotos und Videoschnipsel als Zeichen ihrer Wertschätzung. Denn sie nutzen gespendete „Trench Candles“ (Kerzen in Schützengräben) zum Wärmen, zum Kochen von Mahlzeiten und zum Trocknen ihrer Kleidung in feuchten Schützengräben. Auch bei Zivilisten, die in Städten und Regionen mit massiven Stromausfällen ausharren, werden die Lichter als „Stück Menschlichkeit“ empfunden. Viele sagen Dank über Soziale Medien.
Alte Konservendosen eignen sich gut
„Trench Candles“, wie sie bei internationalen Hilfsorganisationen genannt werden, sind Büchsenlichter aus Kerzenresten. Ein einfaches Prinzip: Pappkartonstreifen werden in eine Konservendose (etwa Thunfischdosenformat) eingelegt und dann mit geschmolzenem Wachs übergossen. Ein Kilogramm Wachs ergibt etwa fünf Büchsenlichter. Ein Büchsenlicht aus einer 500-Milliliter-Dose brennt bis zu 12 Stunden. Das ermöglicht das Kochen von warmen Mahlzeiten, es wärmt und spendet Licht.
Seit ein paar Monaten engagiert sich Viktorya Bogucka dafür in privaten Initiativen. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, in Deutschland Wachs- und Kerzenreste zu sammeln und zu Büchsenlichtern zu schmelzen. Die gebürtige Ukrainerin lebt seit 20 Jahren in Berlin und arbeitet hier in einem Speditionsunternehmen, was ihr bei Logistik, Transport und Verteilung der Büchsenlichter zugutekommt.

Noch wichtiger, sagt sie, sei die Solidarität hierzulande, die sie besonders in evangelischen Kirchengemeinden erlebt, wo sie für ihr Projekt wirbt. „Ich werde dort wie in einer Familie aufgenommen“, sagt die orthodoxe Christin. Am 1. März wird sie zum Beispiel in der Osterkirchengemeinde in Berlin-Wedding sein. Dort werden fleißig Kerzenreste eingesammelt.
Das Rohmaterial beschafft Bogucka über verschiedene Wege. Sie ist im Kontakt mit ukrainischen Initiativen in Berlin, indenen Eltern organisiert sind und Wachsreste sammeln. Bogucka holt die Spenden bei ihnen ab. Auch über Ebay-Kleinanzeigen findet sie Menschen, die Kerzenreste abzugeben haben – etwa nicht mehr genutzte Dekokerzen. Die gesammelten Mengen sind beachtlich: Bei einer Abholung kamen 30 Kilogramm zusammen, ein anderer Helfer holte 100 Kilogramm ab.

Was die Dosen angeht, so haben Viktorya Bogucka und ihre Mistreiter bisher nur im Freundeskreis gesammelt. Denn die Vorgaben, damit die Büchsenlichter funktionieren, sind streng: Die Dosen dürfen nicht höher als 5 Zentimeter sein, müssen gründlich gewaschen sein und dürfen keine Etiketten haben. Angesichts des großen Zuspruchs für das Projekt hat sich Viktorya Bogucka nun entschieden, auch Dosen zu sammeln, wie sie erzählt.
Fertig produzierte Kerzen werden nicht direkt von Deutschland aus in die ostukrainischen Regionen verschickt, da das internationale Porto sehr teuer und die Kerzen sehr schwer sind. Stattdessen transportieren Autofahrer die Kerzen kostenlos über die Grenze. Von dort aus werden sie mit der ukrainischen Post weitergeleitet. Mit den Geldspenden, die nebenbei gesammelt werden, wird unter anderem der Versand innerhalb der Ukraine bezahlt. In die Pakete packen die Helfer neben den Kerzen auch kleine Aufmerksamkeiten wie Schokolade, um das Gefühl zu geben, nicht vergessen zu sein. „Die Aktion soll den Empfängern Hoffnung geben“, sagt Viktorya Bogucka, „und ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind.“ Ganz ähnlich beschreibt Kordula Döring die Motive ihrer Spenderinnen und Spender. Von Wittbrietzen aus, einem Ortsteil von Beelitz, organisiert die Gemeindepädagogin ehrenamtlich das Einsammeln, Schmelzen und den Abtransport von Kerzenresten. An mehreren Stellen im Kirchenkreis Mittelmark-Brandenburg, unter anderem in Wittbrietzen, in Treuenbrietzen und in Brandenburg an der Havel können sie abgegeben werden. Die fertigen Lichter übergibt Kordula Döring einem Transporteur, der sie vor Ort weiterleitet.
Brandenburg: Kinder und Jugendliche beteiligen sich
Viele der Büchsenlichter sind durch Gruppen von Kindern und Jugendlichen entstanden, mit denen Kordula Döring zusammenarbeitet. Seit Beginn ihrer Sammelaktion kamen 640 Kilogramm Kerzenwachs zusammen, die sie und engagierte Mitstreiter in Büchsenlichter umwandeln, neuerdings mittels zweier Schmelztöpfe. Gesammelt wurde vor allem während und nach der Weihnachtszeit: Adventskranzkerzen, Altarkerzen, Kerzenstummel aller Art.
An den Aktionen beteiligen sich auch Ukrainerinnen; so entstehe ein Gefühl von aktiver Gemeinschaft, sagt Kordula Döring. Ursprünglich war die Aktion in Kooperation mit dem Kirchenkreis Mittelmark-Brandenburg bis Ende Januar geplant, doch am 31. Januar entschied man, weiterzumachen. Denn ein Ende des bitterkalten ukrainischen Winters deutet sich nicht an. Und andererseits: „Viele Menschen wollen helfen, wissen aber nicht wie“, sagt Kordula Döring. Das Sammeln von altem Wachs biete eine konkrete Möglichkeit, tätig zu werden.
Ähnlich wie in Berlin und Beelitz sammeln Initiativen in ganz Deutschland. Zwischen 60 und 100 Tonnen Wachs seien im Laufe der Zeit aus Deutschland in die Ukraine geliefert worden, schätzen Experten. Kerzen können unter anderem auch bei der Ukraine-Hilfe Lobetal abgegeben werden. Sie setzt sich schon sich seit Jahren konkret für Menschen in der Ukraine ein, die unter den Folgen des russischen Angriffskrieges leiden.
