Kirchenpräsidentin Tietz: Kirche muss sich für Demokratie einsetzen

Kirchenpräsidentin Christiane Tietz hat zu Beginn der Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) bekräftigt, dass die Kirche sich für die Demokratie als einer „Menschenrechtsdemokratie“ einsetzen muss. Die Demokratie nach dem Grundgesetz bedeute nicht allein die Herrschaft einer Mehrheit, sagte Tietz am Donnerstag in Frankfurt am Main. Ihr zentraler Bestandteil seien auch die Würde aller Menschen und damit die gleichen Rechte für alle. „Das gilt es Kräften entgegenzuhalten, die sich als die wahren Verfechter der Demokratie ausgeben, aber dagegen vorgehen, dass alle Menschen die gleiche Würde besitzen“, sagte sie in ihrem mehrfach vom Beifall der rund 100 Delegierten unterbrochenen Synodenbericht.

Die EKHN werde sich in der Vorbereitung der Kirchenvorstandswahlen 2027 damit auseinandersetzen, wie sie mit der Kandidatur von Mitgliedern extremistischer Parteien umgehe, kündigte die Kirchenpräsidentin an. „Wir identifizieren eine Person nicht mit ihrer Position“, sagte sie. Aber gerade deshalb könne und müsse die Kirche eine Position, wenn sie menschenfeindliche Äußerungen enthalte, „glasklar zurückweisen“, betonte Tietz. Mit Blick auf die veränderte Sicherheitslage in Europa werde in der evangelischen Ethik die Friedensfrage neu verhandelt. „Der Begriff des 'gerechten Friedens' sollte in Zukunft zu einem 'gerechten Frieden in Freiheit' erweitert werden“.

Die Realität sexualisierter Gewalt müsse zu einem Überdenken der „kirchlichen Rede von Schuld und Gnade“ führen, sagte Tietz. In der Kirche werde oft davon ausgegangen, dass Schuld automatisch vergeben werde, bevor eine angemessene Auseinandersetzung mit dem Geschehen stattgefunden habe. Dies führe zu einem „Silencing“ (Stummmachen) der Opfer. Nach der ForuM-Studie von 2024 habe nur ein knappes Fünftel der untersuchten Beschuldigten in der evangelischen Kirche um Entschuldigung gebeten oder Reue gezeigt. Dahinter stehe ein Missverständnis der evangelischen Rechtfertigungslehre. Demnach schienen Täter und Opfer vor Gott gleich dazustehen. „Das aber ist unerträglich“, sagte Tietz.

Es gebe ein grundlegendes „Ja“ Gottes zu jedem Menschen, aber es gebe zu dessen Taten auch ein ganz konkretes Ja und Nein Gottes, sagte die Kirchenpräsidentin. „Insbesondere ist dieses Nein Gottes ein scharfes Nein zu allem, was andere Menschen verletzt oder zerstört hat“, sagte sie. Es gebe Dinge, die Betroffene auch bei der größten Reue der Täter und Täterinnen nicht vergeben könnten. „Deshalb darf aus dem Bereuen des Täters nicht die Forderung an betroffene Personen, vergeben zu müssen, abgeleitet werden“, sagte sie.

Tietz schloss persönlich: „Erfreulicherweise hat die Tatsache, dass ich die erste Frau in diesem Amt bin, wenig Unruhe und Nervosität ausgelöst.“ Am meisten habe sich die Künstliche Intelligenz an eine Frau im Amt gewöhnen müssen: In E-Mails sei sie als „Kassenpräsidentin“ oder als „Küchenpräsidentin“ angeredet worden. „Für mich selbst waren die ersten Monate im neuen Amt großartig“, resümierte Tietz.

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