„Ohne mich seid ihr besser dran“: Sätze wie dieser finden sich in vielen Abschiedsbriefen von Menschen, die sich das Leben nehmen. Eine Überzeugung, die ein nicht zum Suizid neigender Mensch kaum nachvollziehen kann – und die Angehörige oft fassungslos macht. Bei einem plötzlichen Todesfall ändert sich das Leben für die Hinterbliebenen von jetzt auf gleich; das gilt auch für Unfälle oder Herzinfarkte. Eine Selbsttötung erscheint noch radikaler und unbegreiflicher.
Eine der am stärksten tabusierten Todesursachen
„Es ist ein schlimmer Prozess“, sagt Armin Schmidtke über die Trauer nach einem Suizid. Der Psychologe leitet die AG Primärprävention beim Nationalen Suizidpräventionsprogramm (NaSPro). Viele Angehörige fragten sich, ob sie selbst etwas dazu beigetragen hätten, dass der Betroffene keinen anderen Ausweg mehr gesehen hat. „Es ist offenbar typisch für uns Menschen, nach Erklärungen zu suchen.“ Auf die bohrende Frage nach dem „Warum?“ keine Antwort zu erhalten, mache sie um so schmerzhafter.
Hinzu kommt nach Einschätzung der Fachautorin Chris Paul, dass es sich um die am stärksten tabuisierte Todesursache handle. „Geheimnisse und Vorurteile ranken sich um jeden einzelnen Suizid“, schreibt sie in ihrem Buch „Warum hast du uns das angetan?“. Selbsttötungen seien „von einer Atmosphäre der Unwirklichkeit umgeben, sie bleiben rätselhaft“.
In der Gesellschaft bestünden viele Missverständnisse, sagt auch Mechthild Schroeter-Rupieper. „Noch immer fragen sich einige, ob Menschen nach einem Suizid nicht auf einem Friedhof beerdigt werden dürfen, dabei ist das schon lange nicht mehr der Fall“, sagt die Trauerbegleiterin. Auch sei es für viele unvorstellbar, dass mehr Menschen durch Suizid ums Leben kommen als im Straßenverkehr durch Autounfälle.
Und, so die Expertin vom Institut für Trauerbegleitung Lavia in Gelsenkirchen: „Suizid ist nicht vererbbar.“ Was vererbbar sein kann, sei eine Veranlagung für Depressionen – die aber wiederum gut behandelt werden könnten. „Auch deswegen sollte es unbedingt thematisiert werden, wenn sich zum Beispiel ein Elternteil das Leben genommen hat.“
Einen gesellschaftlich offeneren Umgang mit dem Thema Suizid fordert auch der österreichische Kulturwissenschaftler Thomas Macho. Über bestimmte Entwicklungen und Begriffe müsse mehr gesprochen werden, auch im Zusammenhang mit politischen Suiziden. Die christliche Tabuisierung von Suizid als Sünde werde heute ebenso kritisch betrachtet wie eine Stigmatisierung von Betroffenen, meint Macho.
In einigen Bereichen gibt es Veränderungen. „Man spricht inzwischen offener über Depressionen“, sagt Psychologe Schmidtke. Schroeter-Rupieper kritisiert dagegen die Leistungsgesellschaft. „Oft winken wir ab und sagen: ‚Ach, geht schon‘, wenn es uns tatsächlich schlecht geht.“ Dabei könne jeder im eigenen Umfeld gegensteuern. „Statt Durchhalteparolen und Lob dafür, wenn jemand niemals weint, sollten wir einander ermutigen, Negatives zuzulassen.“
Einander ermutigen, Negatives zuzulassen
Der Umgang mit Suizid sei offener geworden, beobachten die Experten. „Vor 20 Jahren war es noch ein absolutes Tabu“, sagt Schroeter-Rupieper. Heute seien ein Viertel derjenigen, die sie begleitet, Angehörige von Suizidenten. Auch ein Selbsthilfeverein für Suizidhinterbliebene, AGUS, ist inzwischen bundesweit etabliert.Zugleich entsteht nach Einschätzung von Autorin Paul eine „neue Pathologisierung von Trauerprozessen, besonders Suizidhinterbliebene werden teilweise pauschal als traumatisiert und therapiebedürftig angesehen“. Auf die Frage nach dem „Warum?“ könnten Angehörige keine Antwort finden, ist ihr Fazit: Für sie habe „die Selbsttötung eines vertrauten Menschen keinen Sinn“. Für den, der sich selbst töte, ergebe diese Tat dagegen Sinn. In der Regel wolle er das nicht anderen antun: „Er tut es für sich.“
