Jüdische Kultur in Filmgeschichte: Neues Zentrum eröffnet an Film-Uni

Von der Gründung Hollywoods bis zu Erinnerungskultur

Es ist bundesweit das erste seiner Art: Am Mittwochabend eröffnet an der Filmuniversität Babelsberg das neue Zentrum für Jüdischen Film. Eine Mitgründerin erzählt, wo jüdische Kultur in Hollywood sichtbar wird.

Eine falsche Anschuldigung und ein Justizskandal, der ganz Frankreich erschüttert hat, sind der Stoff für einen der weltweit ersten Filme mit jüdischer Thematik: Der Stummfilm "L'affaire Dreyfus" (Dreyfus-Affäre) von 1899 verhandelt die Affäre um den jüdischen Offizier Alfred Dreyfus, der Ende des 19. Jahrhunderts aus antisemitischen Motiven zu Unrecht wegen Landesverrats verurteilt wurde.

Der Film ist fest verankert in der jüdischen Filmgeschichte - die künftig im neuen Zentrum Jüdischer Film und Audiovisuelles Erinnern in Potsdam weiter erforscht werden soll. Am Mittwochabend eröffnet das Institut an der Filmuniversität Babelsberg. Es ist bundesweit das erste seiner Art.

Doch welche Filme sind für die jüdische Filmforschung von Bedeutung? "Relevant sind Filme, die sich dezidiert oder am Rande mit jüdischer Geschichte und Gegenwart, mit jüdischer Erfahrung beschäftigen", sagt Filmwissenschaftlerin Lea Wohl von Haselberg der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Es stünden Werke im Fokus, "die Themen verhandeln, die relevant für die jüdische Diaspora sind oder die von unterschiedlichen Publika als jüdisch verstanden wurden oder werden".

Wohl von Haselberg ist Mitgründerin des neuen Zentrums, das neben Filmen auch Produktionszusammenhänge, Filmschaffende und Arten von Filmvorführungen untersuchen möchte. Jüdische Filmgeschichte verstehe sich als eine Schnittstelle von Filmgeschichte und jüdischer Geschichte und Erfahrung, heißt es.

Beim Blick auf die Historie des Films zeigt sich, wie eng das Judentum mit der Filmgeschichte verbunden ist. So kamen Anfang des 20. Jahrhunderts jüdische Einwanderer in die USA und waren dort entscheidend an Gründung und Betrieb der Hollywood-Studios beteiligt.

Einer von ihnen war der in Berlin geborene Ernst Lubitsch, der als einer der wichtigsten jüdischen Filmschaffenden der Weimarer Republik gilt und 1923 in die USA auswanderte. In seinen Milieukomödien, durch die er in seiner Heimat bekannt wurde, setzte er sich satirisch mit der städtischen Mittelschicht auseinander und stellte zugleich immer wieder jüdische Stereotype aus.

Filmwissenschaftlich gibt es mehrere Deutungen: Der Vorstellung eines selbstbewussten Ausdrucks des Judentums steht die Gefahr gegenüber, antisemitische Vorstellungen zu bedienen.

Über die Jahrzehnte entwickelte sich Hollywood weiter - auch in Bezug auf die Präsenz jüdischer Kultur. Ein zentraler Aspekt in der jüdischen Filmgeschichte ist "die Sichtbarwerdung von Jewishness im US-amerikanischen Film in den 1960er und 70er Jahren, die eigene Stars wie Barbra Streisand und Woody Allen hervorgebracht und eigene Stereotype geprägt hat", erklärt Wohl von Haselberg.

Hinzu kommen viele Fernsehserien aus den 1990ern bis in die Gegenwart, die von jüdischen Figuren erzählen, wie "Die Nanny", "Transparent" oder "Shtisel".

Ein zentraler Punkt in der jüdischen Filmgeschichte ist der Umgang mit dem Holocaust. Die filmische Auseinandersetzung damit finde nicht ausschließlich in Spiel- und Dokumentarfilmen statt, so Wohl von Haselberg, "sondern auch in den vielen Projekten, die videographierte Zeugnisse von Überlebenden aufgezeichnet haben". Auch deshalb heiße eines der drei Themenfelder, auf die sich das Potsdamer Zentrum künftig fokussiere, "audiovisuelle Erinnerung" und stehe neben den Bereichen "Jüdische Filmstudien" und "Antisemitismus und Film".

Zwar sei die Erinnerung an die Schoah ein wichtiger Teilbereich jüdischer Filmgeschichte, könne aber nicht nur als jüdisches Thema verstanden werden, so die Filmwissenschaftlerin. "Im US-amerikanischen Kontext wird die filmische Erinnerung an die Shoah vielfach als genuin jüdisches Thema verstanden. Aus naheliegenden Gründen kann das aber auf Deutschland nicht übertragen werden, denn die Erinnerung an Nationalsozialismus und Holocaust ist hier eben auch ein dezidiert deutsches Thema."

In der zeitgenössischen jüdischen Filmgeschichte habe sich besonders durch den Angriff der Terrorgruppe Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 viel verändert, sowohl international als auch in Israel: "In beiden Kontexten ist der politische Druck gewachsen", so Wohl von Haselberg.

Wie sich das filmisch ausdrücke, werde man mit ein wenig mehr zeitlichem Abstand untersuchen müssen, erklärt die Expertin. "Aber vielfach ist es ja so, dass so einschneidende Ereignisse wie der 7. Oktober und seine Folgen Arbeitsverhältnisse verändern, auf die Probe stellen und auch zerreißen können." Zugleich könnten - filmisch betrachtet - große Krisen auch eine große Kreativität freisetzen, "die neue Formen audiovisueller Auseinandersetzung, Trauer und Erinnerung hervorbringen".

👋 Unser Social Media