Stammheim ist für die Erzählung der RAF ein identitätsstiftender Ort geworden, spätestens seit der danach benannten "Todesnacht". Ein überzeugendes Dokudrama betrachtet den Deutschen Herbst aus ungewohnter Perspektive.
Am eindrücklichsten ist die Sprache. Selten hat man im öffentlich-rechtlichen Fernsehen so viele Kraftausdrücke gehört - und das zur Primetime! Vulgär, verroht und menschenverachtend ist die Ausdrucksweise der RAF-Terroristen. Vor allem im Umgang mit den Staatsbediensteten, die die Baader-Meinhof-Gruppe Mitte der 1970er Jahre in der JVA Stammheim bewachen - aber auch untereinander.
Die von abgründigem Hass kündende Sprache erscheint dabei wie ein Ventil, willkommenes Ausleben niederster Bedürfnisse. Endlich mal Bauch statt Kopf!, einen solchen imaginären Stoßseufzer der Terroristen meint man manchmal fast zu vernehmen. Denn da ist ja eben auch noch diese ganz andere Sprachebene: die schier nicht enden wollenden, schwer verständlichen, an marxistischen Autoren geschulten Theorie-Wort-Ungetüme, die die Terroristen beim Formulieren ihrer Forderungen und Pamphlete unermüdlich aufeinander schichten.
Das Dokudrama "Stammheim - Zeit des Terrors", das Das Erste am 19. Mai von 20.15 bis 21.45 Uhr ausstrahlt, fokussiert sich auf die Zeit von April 1974, als Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin in die Justizvollzugsanstalt eingeliefert wurden, bis zur "Todesnacht von Stammheim" im Oktober 1977, in der sich drei von noch vier inhaftierten Terroristen das Leben nahmen.
In einem kurz darauf eingerichteten Untersuchungsausschuss musste unter anderem der Vollzugsbeamte Horst Bubeck zu den Geschehnissen jener Nacht Rede und Antwort stehen; dessen Einvernahme bildet hier die Klammer. Durch Bubecks Augen werden die letzten dreieinhalb Jahre der ersten RAF-Generation am für die Terrorgruppe so identitätsstiftenden Ort, der JVA Stammheim, erzählt. Moritz Führmann spielt ihn beeindruckend gut, diesen nüchtern-korrekten Staatsdiener, der es scheinbar ungerührt ertrug, von Ulrike Meinhof und Co fast durchweg als "A...loch!" angesprochen zu werden.
Auf diese Weise erzählt die rasant montierte Produktion vom Alltag im siebten Stock der Stuttgarter JVA. Es sind nahe, intime Einblicke, die dieser Film gewährt, und sie beruhen auf Dokumenten, von denen manche erst vor relativ kurzer Zeit entdeckt wurden: etwa die Tonband-Mitschnitte des Stammheim-Prozesses, die Stefan Aust und andere 2007 in einem Putzschrank des Stuttgarter Oberlandesgerichts entdeckten. Zusammen mit Aust, für den die RAF bekanntermaßen ein Lebensthema ist, hat Regisseur Niki Stein das Drehbuch geschrieben.
Die geschilderten Szenen basieren auf Protokollen, Kassibern - also heimlichen Nachrichten der Gefangenen -, Erinnerungen handelnder Personen, aber auch auf Filmmaterial vom Untersuchungsausschuss. Die Grenzen zwischen Archivaufnahmen und nachgestellten Szenen sind in diesem als Dokudrama titulierten Film fließend. Wobei der Fokus klar auf inszenierten Szenen liegt, die sich eng, teils minutiös, am Überlieferten orientieren. Dokumentarisches Material wird vor allem für die Geschehnisse außerhalb der Haftanstalt verwendet, etwa das tödliche Attentat auf die deutsche Botschaft in Stockholm, das sich ebenso wie der Auftakt des Stammheim-Prozesses in diesen Tagen zum 50. Mal jährt.
Dass man am Originalschauplatz drehen konnte, war ein besonderer Glücksgriff - die beklemmende, aber auch aufgeheizte Stimmung in Zellentrakt 7 ist förmlich mit Händen zu greifen. Dazu tragen die fantastischen Schauspieler bei; Lilith Stangenberg als Ensslin, Tatiana Nekrasov als Meinhof, Henning Flüsloh als Baader und Rafael Stachowiak als Jan-Carl Raspe. Sie spielen ihre schwierigen Rollen so, dass jegliches Mythentum über die RAF - das etwa im Vorspann zum Film noch aufscheint - entzaubert wird: unmöglich, diese irregeleiteten, verhärteten Menschen als Ikonen wahrzunehmen.
Und doch spürt man, dass alle Darstellenden Zugang gefunden haben zu ihren Figuren, scheinen Blitzlichter von punktueller Nähe oder gelegentlichem Verständnis auf. Ein so kluger wie informativer und mitreißend erzählter Zugriff auf das Thema. Im Anschluss ist die Dokumentation "Im Schatten der Mörder - Die unbekannten Opfer der RAF" zu sehen.