Ich bestimme, was passiert

Zwischen Himmel und Hölle (II)
Ich bestimme, was passiert

Unsere siebenteilige Serie mit persönlichen Schicksalen zu den sieben letzten Worten Jesu geht weiter mit einer Geschichte zu „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lukas 23,43).

Das Bett ist groß. Riesengroß.
Auf der Überdecke im Leoparden-Muster sitzt Kerstin. Eine Frau Mitte 40. Klein, lebhaft, energische Bewegungen; ein offener Blick und ein freundliches Lächeln. Kerstin gehört das Bett, das Zimmer, in dem es steht, sowie das ganze Bordell am Rand einer sauerländischen Kleinstadt. Beruf? „Puffmutti“, sagt Kerstin und lacht ausgelassen  – „der beste Beruf, den ich je hatte“.
Was suchen die Männer, wenn sie hierher kommen, in dieses Zimmer, dieses Bett? Nähe zu einer Frau? Befriedigung? Ekstase? Gar ein Stück vom Paradies?
Mit dem Begriff Paradies kann Kerstin wenig anfangen. Die Bordell-Betreiberin sieht das Thema Prostitution nüchterner. Es ist eine Möglichkeit für Frauen, auf relativ einfache Art relativ viel Geld zu verdienen. Und sie weiß, wovon sie spricht.

Eine einfache Art, schnell Geld zu verdienen

Mit 32 Jahren fing die gelernte Erzieherin an, als Prostituierte zu arbeiten. „Ich war gerade Single geworden und bekam als Aufstockerin Hartz 4“, erzählt sie. Die Möglichkeit, schnell Geld zu verdienen, schien ihr verlockend. „Auch in meiner Beziehung vorher war ich sexuell aufgeschlossen. “ Warum es also nicht versuchen mit dem Sex gegen Bezahlung?
Den ersten Arbeitsplatz fand sie über eine Zeitungsanzeige; eine Bekannte kam mit zum Vorstellungsgespräch. „Ich fand den Chef nett“, erinnert sie sich. Und der erste sexuelle Kontakt mit einem Kunden? „Natürlich saß ich die ersten zwei Tage an der Bar und habe mich kaum getraut, die Männer anzusehen“, sagt Kerstin. „Aber nach dem ersten Mal war alles gut.“ Drei Jahre lang hat sie als Prostituierte gearbeitet und eine Reihe unterschiedlicher Betriebe kennengelernt, vom Nachtclub bis zum Escort-Service. Schon bald war klar: Zurück in die normale Arbeitswelt wollte sie nicht. Aber etwas Festes sollte es sein. Die Suche dauerte eine Zeit – „dunkel, schmuddelig, mit roten Tüchern über den Lampen kam nicht in Frage“. Bis dann eines Tages der richtige Laden auftauchte.  Da ergriff Kerstin die Chance.
Im Moment haben sich fünf Frauen zwischen 23 und 48 Jahren bei ihr eingemietet. Sie entscheiden selbst über ihre Arbeitszeiten und ihren Service; Kerstin stellt nur die Räume zur Verfügung. Was ihr gefällt an diesem Beruf? „Ich kann selbst bestimmen, was ich tue und was ich lasse. Da ist man in den meisten anderen Berufen viel abhängiger.“
Das Etablissement liegt im ersten Stock eines einfachen, gepflegten zweigeschossigen Hauses im Industriegebiet. Roten Plüsch sucht man hier vergeblich. Alles ist schlicht, fast nüchtern eingerichtet. Man könnte die Räume für Hotelzimmer halten. Nur das Zimmer am Ende des Ganges ist anders, ausgestattet mit allem, was man für Sex im sadomasochistischen Bereich braucht. „Manche unserer Frauen bieten auch das an“, sagt Kerstin. „Jede entscheidet das selbst.“
Die meisten Männer, die in Kerstins Bordell kommen, haben kleine Träume. „Das sind ganz normale Männer“, sagt Kerstin. „Alle Altersgruppen, alle Schichten. Der eine stellt sich auf den Flohmarkt, um die 120 Euro für eine Stunde zusammenzubekommen; der andere ist Manager und möchte hier mal in die Rolle des Machtlosen schlüpfen.“
Und sie wünschen sich – was? Nähe, Berührung. Einen anderen Körper. Abwechslung beim Sex. „Viele kuscheln gern. Die bekommen zuhause nicht das, was sie sich wünschen. Hier sind sie superlieb“, sagt die Bordell-Betreiberin. Dann erzählt sie von ihrem ersten Mal mit einem alten Mann: „Ich habe das Übliche versucht, aber es klappte nicht. Schließlich hat er gesagt: Mädsche, tun wir doch einfach so als ob. Er wollte einfach die Berührung genießen.“
Etwa 80 Prozent der Kunden kommen regelmäßig, manche wöchentlich, andere einmal im Jahr. Häufig erlebt Kerstin die Männer als sehr schüchtern. „Die rufen an und fragen: ‚Kann man bei euch Sex machen?‘“, erzählt sie kopfschüttelnd. „Wenn sie dann hier sind, trauen sie sich gar nicht, die Frauen anzufassen. Die legen sich hin und lassen uns machen. Das ist dann für uns auch nicht so toll. Niemand findet Sex schön, wenn der andere regungslos daliegt.“
Ein einziges Mal hat sie erlebt, dass jemand „nur reden“ wollte, wie das Klischee so schön heißt. „Zwei Stunden lang hat der mir erzählt, was in seinem Leben schlecht läuft. Du liebe Güte, war das langweilig!“ Kerstin lacht und verdreht die Augen. „Da ist es mir echt lieber, wenn ich aktiv werden kann. Man möchte ja sein Gegenüber glücklich machen.“
Aber natürlich, reden gehört auch dazu. Genau wie Nähe zulassen, Berührungen, auch Zärtlichkeiten, von beiden Seiten. Küsse? „Je nachdem“, sagt Kerstin. „Ich habe das immer nach Gefühl entschieden. Wenn ich den Mann sympathisch fand, habe ich ihn auch geküsst.“ Sie selbst hat es auch durchaus genossen, wenn die Männer Interesse zeigten, auch sie zu erregen. Wenn der nett anzusehen und sympathisch war – warum nicht? Ich fand Sex immer toll.“
Ein tiefer Zungenkuss aber kostet in der Regel extra – 50 Euro für 30 Sekunden Küssen können es schon mal sein. Das handeln die Frauen mit den Freiern vorher aus. Und: Wer ständig versucht, die vereinbarten Grenzen zu überschreiten , ohne dafür zahlen zu wollen, wird gebeten zu gehen. Da sind die Frauen glasklar.

Wichtigste Fähigkeit: Nein sagen

Darum ist selbstbewusstes Auftreten eines der ersten Dinge, die Kerstin den Frauen beibringt. „Ihr bestimmt selbst, was ihr wollt und was ihr zulasst“, erklärt sie Neuanfängerinnen immer wieder. Denn das Nein-Sagen fällt Frauen oft schwer. Dabei gehört es vielleicht zu den wichtigsten Fähigkeiten einer Prostituierten, für sich selbst zu sorgen und den Männern Grenzen zu setzen. „Ich muss mich nicht einfach hergeben und stillhalten, nur weil jemand dafür bezahlt hat“, betont Kerstin. „Noch einmal: Die Frauen bestimmen!“
Dabei sind auch die Kolleginnen hilfreich. Sie selbst hat sich früher viel von anderen Frauen abgeguckt, gerade wenn es um die Frage geht: Was tun, wenn ich etwas nicht möchte? Inzwischen ist sie da souverän.  „Ich sage zweimal höflich Nein, und wenn er es dann nicht versteht, mache ich ihm klar, dass wir das hier leider beenden müssen.“
Wer sind die Frauen, die im Bordell arbeiten? „Da gibt es alles“, sagt Kerstin. „Von der Anwältin oder der Ärztin, die am Wochenende ihr Hobby zum Beruf macht, bis hin zu Frauen, die – sorry –  zu blöd sind, um an der Supermarktkasse zu stehen.“
Viele Frauen kommen aus Berufen, in denen sie ohnehin mit Menschen zu tun haben. Nicht wenige arbeiten im Pflegebereich, wo sie ohnehin Menschen körperlich sehr nah kommen. Vielleicht wird die Hemmschwelle dadurch niedriger, meint Kerstin. Und: „Die möchten anderen einfach was Gutes tun.“ Sie selbst findet: „Wenn ich selbst das Gefühl habe, dass ich meinen Job gut gemacht habe, ist das toll.“
Aber auch wenn die Gesellschaft inzwischen toleranter und offener geworden ist, ist Sexarbeit immer noch ein Tabu. Auch für Frauen, die sie freiwillig und selbstbewusst ausüben. Nicht wenige führen daher ein Doppelleben und verschweigen Kindern, Familie oder Freunden ihre Arbeit im Bordell. „Hausieren gehe ich damit auch nicht“, sagt Kerstin. „Schnell wird man ,bedauert‘, ohne dass jemand wirklich weiß wie es ist.“ Ihre Freunde wissen Bescheid. Ihrer Mutter hat sie erst nach zwei Jahren von ihrem Gelderwerb erzählt – „man kann sich ja vorstellen, dass gerade eine Mutti sich Sorgen macht“ –  und dem Mann, mit dem sie inzwischen zusammenlebt, anfangs auch nicht – der ist innerhalb der ersten Wochen nach dem Kennenlernen  von selbst drauf gekommen. Für ihn ist es o.k., sagt Kerstin.
Und für sie selbst? Wie ist das, wenn man Sex nur dem schenken möchte, den man wirklich liebt? „Naja“, sagt Kerstin. „Das ist schon manchmal nicht einfach gewesen.“  Aber: „Wer in meinem Körper war, hat dabei doch nichts von meiner Seele bekommen. Es ist nur mein Körper!“
Trotz solcher Fragen steht Kerstin zu ihrem Beruf. „Wir sind schon ein eigener Schlag“, sagt sie. „Ganz normale Frauen zwar, aber in jeder steckt doch so etwas Rebellisches. Etwas, was eben nicht so ist wie bei allen anderen – und was andere sowieso nicht verstehen. Wir haben Humor.“ Und wie sie das sagt, klingt es stolz.

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