Historiker rät zu Vorsicht bei Auswertung von Tagebüchern

Der Bochumer Historiker Andreas Eckl warnt vor vorschnellen Schlüssen bei der Auswertung von Tagebüchern. "Natürlich kommt man dem Menschen, der das geschrieben hat, unwillkürlich immer näher", sagte Eckl am Dienstag in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). "Man glaubt, ihn verstehen zu können. Aber so ist es natürlich nicht." Der Leser kenne nur die Figur, die der Tagebuchschreiber von sich zeichne.

Gemeinsam mit seinem Kollegen Matthias Häussler editierte Eckl die bisher unveröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen Lothar von Trothas aus den Jahren 1904 und 1905. Damals war der Adelige in die Kolonie Deutsch-Südwestafrika entsandt worden, um als Oberbefehlshaber der deutschen Truppen einen Aufstand der Einheimischen niederzuschlagen. Die blutigen Kämpfe gegen die Herero, später auch die Nama, prägen bis heute die Gesellschaft in Namibia.

Am 2. Oktober 1904 gab von Trotha seinen berüchtigten "Vernichtungsbefehl" aus. Darin kündigte er an, dass die Herero das Gebiet von Deutsch-Südwestafrika zu verlassen hätten. "Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen. Ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen."

Der Truppenchef habe sich im Laufe der Kämpfe radikalisiert, so Historiker Eckl. "In den ersten Monaten bis zu den Gefechten am Waterberg treibt ihn nur die Sorge um, dass sich die Herero zerstreuen. Genau das passiert aber schließlich zu seinem großen Ärger im Anschluss an die Kämpfe und die Deutschen haben darauf nur eine Antwort: die Verfolgung." Bis zu diesem Moment sei es für von Trotha gut gelaufen, "nach Waterberg läuft unglaublich viel schief", urteilt Eckl. "Der beratungsresistente Truppenchef greift zu immer radikaleren Maßnahmen und setzt damit den Völkermord in Gang."

Von Trotha sei vor allem Funktionär gewesen. "Aber ab einem bestimmten Zeitpunkt wusste er natürlich um die Konsequenzen seiner Handlungen. Was er zuvor billigend in Kauf nahm, vertrat er dann mit Vehemenz." - Eckl arbeitet am Institut für Diaspora- und Genozidforschung der Ruhr-Universität Bochum. Die Edition der Tagebücher von Trothas ist soeben erschienen, in einer wissenschaftlichen Ausgabe beim de Gruyter-Verlag und in einer Taschenbuchausgabe im Verlag Welwitschia.

👋 Unser Social Media