Historiendrama um ein englisches Dorf, das im 18. Jahrhundert durch den aufkommenden Kapitalismus aufgewühlt wird, wobei ein Außenseiter zwischen die Fronten gerät.
Je weiter die Kamera von den Figuren entfernt ist, desto spektakulärer schaut der Film aus. Wenn sich das Bild ganz weit in Panorama-Einstellungen öffnet, dann wähnt man sich fast in einem Kunstmuseum, vor einem altmeisterlichen Gemälde der frühen Neuzeit. Malerisch ist vor allem die Farbigkeit des Films “Harvest”: Wo sonst im neueren Historienfilm eine Tendenz zur farbreduzierten Vermatschung, zur Ton-in-Ton-Tristesse vorherrscht – Eleganz, Leichtigkeit und Stilbewusstsein sind Erfindungen der industriellen Moderne, will uns das Kino weismachen -, da lassen Regisseurin Athina Rachel Tsangari und ihr allseits gefeierter Kameramann Sean Price Williams die Menschen in satten Primärfarben leuchten. Und sie platzieren sie, wie hingekleckst, vor ihre hölzernen Gehöfte oder auch in ausladende grüne Auen, in eine Naturkulisse, die den Menschen weder als etwas Bedrohliches entgegengesetzt noch von ihnen nur beherrscht und ausgebeutet wird; die ihnen vielmehr als ein Resonanzraum dient.
Auch in Szenen, in denen die Menschen größer im Bild sind und die Welt hinter ihnen sich tendenziell ins Off verflüchtigt, sieht “Harvest” oft phänomenal aus. Zum Beispiel, wenn ein geduldiger Kamerablick die kleinen und (selten) größeren Regungen im Blick Walts (Caleb Landry Jones) registriert, der Hauptfigur des Films.
Walt taucht zunächst allein im Weizenfeld auf, dann badet er nackt in einem See. Er erscheint wie ein Vermittler zwischen der Zivilisation und der Welt außerhalb von ihr. Noch ist beides füreinander durchlässig, aber die Grenzen verhärten sich rasch.
Es geht um ein englisches Dorf, das im 18. Jahrhundert durch den aufkommenden Kapitalismus aufgewühlt wird. Wir befinden uns irgendwo auf den britischen Inseln (gedreht wurde in Schottland; man möchte sofort alles stehen und liegen lassen und hinfahren), die Lebenswelt schaut noch nach Mittelalter aus, aber die Moderne klopft bereits an die Tür.
Ob sie es nicht satthaben, statt für sich selbst für Menschen in fremden Städten zu arbeiten, fragt ausgerechnet der frühsozialistische Träume träumende Landbesitzer seine Untergebenen. Die Flausen werden ihm rasch ausgetrieben, als ein schnöseliger Cousin aus der Stadt aufkreuzt. Er erhebt Anspruch auf das Land und will mehr Profit aus dem Boden schlagen.
Zivilisation beruht auf Ausbeutung der Natur einerseits und des Menschen durch den Menschen andererseits, das stellt der Film in recht aufdringlicher Manier klar. Außerdem produziert die Zivilisation praktischerweise Sündenböcke in Form von Außenseitern, an denen die entmündigten Massen ihren Frust abreagieren können.
Auslöser für die ungute, gemeinschaftszersetzende Dynamik ist der Brand einer Scheune, ein apokalyptisches nächtliches Flammenmeer, das die eben noch gemeinschaftlich feiernden Dorfbewohner in einen misstrauischen Mob verwandelt. Einer dunkelhäutigen Frau, die tags darauf im Dorf auftaucht, werden die Haare abgesäbelt; den beiden Männern, die sie begleiten, blüht Schlimmeres. In Walt glimmt derweil Restmenschlichkeit, was ihm ebenfalls das Misstrauen seiner Mitmenschen einträgt.
Außerdem taucht noch eine weitere Außenseiterfigur auf, ein Mann der Wissenschaft namens Quill, der im Auftrag der neuen Mächtigen eine Karte der Gegend anfertigt. Beziehungsweise, wie Walt es in einer Szene ausdrückt: der die Gegend “plattmacht”, denn das mehrdimensionale Leben, das den wahren Reiz der Welt ausmacht, ist auf einer Karte natürlich gerade nicht verzeichnet.
Quills Kartografie und das Gerede darüber nehmen recht viel Raum ein im Film. Es liegt nahe, Quills Tätigkeit mit Tsangaris Film zu kontrastieren. Will “Harvest” der von der Kartografie und anderen modernen Wissenschaften entzauberten und vom Kapitalismus obendrein verdinglichten Welt ihre sinnliche Fülle zurückgeben? Man würde diesem ein wenig zu sehr von sich selbst eingenommenen Film derartige Ambitionen jedenfalls zutrauen.
Insgesamt muss man konstatieren, dass “Harvest” sich noch einmal ein gutes Stück länger anfühlt als die gut 130 Minuten, die er dauert. Was sich nach einer dramaturgisch einigermaßen stringent durchgeformten Historienerzählung anhören mag, sumpft über weite Strecken in selbstgenügsamer, spröder Schönheit vor sich hin. Lange, fast wortlose Passagen wechseln sich mit ungelenk didaktischen, humorlosen Dialogszenen ab. “Harvest” ist ein Film, den man gern bewohnen können würde; den man aber höchstens, und auch das nur sehr distanziert, bewundern kann.