Man rechnet nicht mit dem Grauen, wenn man eine Kirche betritt. Zwischen alten Bänken, Altar und Orgel scheint alles still, heilig, vertraut. Doch manchmal lauert zwischen den Mauern etwas anderes: ein aufgerissener Höllenschlund, Dämonen mit Krallen und Schnäbeln, tanzende Skelette. In norddeutschen Kirchen erzählen diese Bilder nicht nur vom Himmel, sondern auch von der Angst, die dorthin führen sollte.
„Kirchen sind keine Orte des Grauens“, betont Jutta Petri. Allerdings seien gruselige Bilder lange Zeit lang ein Mittel gewesen zu zeigen, was jenseits von Gottes Gnade auf die Menschen warte. Als Kunsthistorikerin und Referentin für Erwachsenenbildung der evangelischen Nordkirche kennt Petri alle: die Skelette, die Teufel, die Folterszenen, die gebannten Dämonen in Stein und Farbe.
Das Mittelalter sei eine „von Angst durchtränkte Zeit“ gewesen. Angst vor Krankheit, Gewalt, Hunger, vor der Hölle. Der Tod war allgegenwärtig. Und die Kunst habe genau das gespiegelt. Wer damals eine Kirche betrat, traf an vielen Orten auf Weltgericht und Verdammnis in leuchtenden Farben. Der Himmel öffnete sich für die Frommen - und der Schlund der Hölle für die anderen. Angst galt als pädagogisches Mittel: „Die Menschen kannten die Geschichten vom Fegefeuer, von Strafe und Lohn“, sagt Petri. Realistisch mussten die Bilder daher nicht sein - die Symbolik reichte.
In der Dorfkirche von Behrenhoff (Landkreis Vorpommern-Greifswald) etwa droht ein übergroßer Höllenschlund, Menschen zu verschlingen, die von einem Dämon mit Schnabel, Klauen und Schwanz zusammengetrieben werden. Heute wirken manche dieser Ungeheuer fast tapsig, „ein bisschen unbeholfen, manchmal sogar niedlich“, meint Petri. „Wir wissen nicht, wie die Menschen damals gefühlt haben - aber wir haben heute definitiv eine andere Angstschwelle.“
Die ältesten Darstellungen des Grauens stammen aus der Zeit der Christianisierung. Sie zeigen keine Hölle, sondern den Sieg über das Böse. Ganz im Norden, in Munkbrarup (Kreis Schleswig-Flensburg), steht beispielsweise ein Taufstein, an dem ein Löwe einen Mann verschlingt - grausam, aber symbolisch. „Komm zu uns, dann bist du auf der richtigen Seite“, fasst Petri zusammen. Auch im nahe gelegenen Sörup finden sich Drachen und Fabelwesen auf dem Taufstein. Gruseln war nie Selbstzweck, sondern ein Mittel zur Erkenntnis.
Mit der Zeit änderte sich die Bildsprache. Als das Christentum in der Gesellschaft verankert war, lösten apokalyptische Szenen die Drachenbilder ab. Christus wurde als strenger Richter dargestellt, Verdammte endeten in Flammen. Das sollte zur Reue führen, machte aber auch Angst. Das Jüngste Gericht findet sich in Eckernförde (Kreis Rendsburg-Eckernförde) oder in der Kirche auf der nordfriesischen Hallig Oland. Dagegen stellte der Reformator Martin Luther einen gnädigen Gott, keinen strafenden. Und doch blieb das Gericht in der Kunst - nur die Betonung verschob sich: weg von der Angst, hin zur Erlösung. „Jesus sollte nicht allein der strenge Richter sein“, erklärt Petri, „sondern die Menschen sollten eine direkte Beziehung zu Gott aufbauen.“
Im 14. und 15. Jahrhundert, als die Pestwelle Europa traumatisierte, kamen neue Motive hinzu - Totentänze. Skelette führen Adlige und Bauern gleichermaßen an der Hand. Der Tod, der irgendwann mit jedem tanzt. „Die Darstellung kam vermutlich mit den Pestepidemien auf und blieb vermutlich bis ins 18. Jahrhundert unglaublich populär“, sagt Petri. Noch heute findet man sie in Kirchen, auf Friedhofsmauern oder in Büchern. In Lübeck hängt in der Marienkirche das Epitaph des Hartwich von Stiten - mit dem geflügelten Tod als einer erschreckend realistischen Leiche. „Das ist wirklich ausdrucksstark“, sagt Petri.
Und heute? Petri lacht. „Unsere Sehgewohnheiten sind völlig andere. Wir kennen Horrorfilme und -romane - aber wir konsumieren die aus einer Situation vollkommener Sicherheit heraus.“ Auf dem heimischen Sofa. Im Warmen und Trockenen. Das schafft Abstand ganz im Gegensatz zum Mittelalter, wo das Grauen durch Krankheiten oder öffentliche Hinrichtungen real war. „Die Menschen damals hatten Bilder von Folter, Gewalt und Hinrichtungen vor Augen. Sie konnten sie miterleben“, erklärt sie. „Wenn sie Höllenqualen sahen, waren die viel unmittelbarer.“
Und manchmal, so scheint es, steckt in der Angst auch eine Spur Humor. Wie bei dem Grabstein von Peter Basses in der St. Nicolai-Kirche in Mölln (Kreis Herzogtum Lauenburg). Zwei Skelette lehnen sich über das Grab, die Haltung fast lässig, nachdenklich, als stünden sie an einer Theke. „Das ist so makaber“, sagt Petri, „dass man fast schmunzeln muss“.