Nach einer Covid-Erkrankung werden die meisten Menschen schnell wieder gesund. Manche leiden aber auch Wochen und Monate danach unter den Auswirkungen der Infektion, auch Long Covid genannt. Betroffene spüren etwa, dass ihr Gedächtnis und die Konzentration nicht mehr so sind wie früher.
„Auch die Seele hat Mühe, das erlebte Leid und damit auch oft verbundene Ängste zu verarbeiten“, sagt Pfarrerin Bettina von Kienle aus dem Schwarzwaldort Villingen-Schwenningen (Schwarzwald-Baar-Kreis). Zudem reagiere das Umfeld unsicher oder nehme das Leiden nicht ernst. Das könne nicht nur in der eigenen Familie vorkommen, auch der gesellschaftliche Druck sei sehr stark, etwa vom Arbeitgeber.
In ihrer Funktion als Klinikseelsorgerin und Gemeindepfarrerin trifft sie immer wieder Menschen mit einer langanhaltenden Erkrankung. Besonders eindrücklich erinnert sich die evangelische Theologin an eine Frau, die, gestützt von ihrem Mann, barfuß zu einem Konzert in die Kirche gelaufen sei.
Die Frau habe barfuß laufen wollen, weil sie hoffte, dass es ihr durch den Hautkontakt mit dem Erdboden besser gehen würde. Im Konzert sei die Frau dann völlig erschöpft eingeschlafen. Für Pfarrerin von Kienle der Anlass, eine Post-Covid-Gesprächsgruppe zu initiieren.
Die Theologin berichtet, wie schwierig es für Menschen mit den Langzeitfolgen der Erkrankungen sei, „das richtige Maß bei körperlicher und geistiger Anstrengung zu finden“. In Gemeinschaft gelinge dies meist besser. Zusammen mit einer Diakonin und einem Psychologen begleitet sie die Gruppe, die sich einmal im Monat trifft. Bis zu 15 Menschen nehmen teil.
Dort müsse sich niemand erklären. Betroffene dürften „so kommen, wie sie sind“, erläutert von Kienle: „Sie sehen, anderen geht es ähnlich wie mir.“ Gemeinsam tauschen sie sich aus. Sie sprechen über Fortschritte, aber auch Rückschritte oder ihre seelische Belastung.
Wie lange eine Post-Covid-Erkrankung anhält, sei noch unklar, sagt der Psychologe Wolfgang Trenkle, der an der Albert-Schweitzer-Klinik Königsfeld (Schwarzwald-Baar-Kreis) arbeitet, die auf Post-Covid-Erkrankungen spezialisiert ist. Dafür gebe es das Krankheitsbild noch nicht lang genug.
Für Patienten und Patientinnen oft besonders erschreckend seien die kognitiven Symptome wie Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis, Konzentrationsschwierigkeiten oder Wortfindungsstörungen, sagt Trenkle, der auch die kirchliche Gesprächsgruppe moderiert. Belastend sei auch ständige Müdigkeit, Chronisches Fatigue-Syndrom genannt. Dabei bringe auch ein ausgedehnter nächtlicher Schlaf keine Besserung.
Therapien gebe es bislang kaum. Aber es gebe zahlreiche Reha-Angebote, die helfen können, besser mit der Erkrankung umzugehen. Wichtig seien Entspannungsangebote und der Austausch mit anderen Betroffenen, empfiehlt der Psychologe.
So könnten die Patienten „Hoffnung schöpfen“ und lernen, mit den Einschränkungen besser umzugehen. „Sie werden zu einem Fachmann für die eigene Erkrankung“, sagt Trenkle. Der Psychologe empfiehlt vor allem, die gegenwärtige Einschränkung erst einmal zu akzeptieren und die eigenen Grenzen besser kennenzulernen.
Verzweifelte Patienten suchten oft nach schnellen Therapieangeboten. Hier rät Trenkle zur Vorsicht. Wissenschaftlich evaluierte Angebote gebe es bislang nicht. Helfen könnten jedoch Gesprächsgruppen. „Wir brauchen dringend mehr Selbsthilfegruppen“, fordert er. Bislang sei das Angebot sehr spärlich.
Von Kienle sieht hier auch eine Aufgabe für die Kirche. In den Kirchengemeinden gebe es kaum Post-Covid-Gesprächsgruppen, hat sie im Austausch mit anderen Klinikseelsorgenden festgestellt. Doch die Seelsorge für die Kranken sei eine ureigene Aufgabe von Kirche. „Wir müssen unser Gemeindebild überdenken. Jesus ist zu den Menschen in Not gegangen und nicht zu den besonders Frommen.“ (0487/05.03.2024)