Genau hinsehen

Um Recht und Gerechtigkeit ging es beim Interreligiösen Filmseminar der Evangelischen Akademie.

Von Angelika Obert

Auch in diesem Jahr hat die Evangelische Akademie wieder zu einem interreligiösen Filmseminar ins Haus Schwanenwerder eingeladen. Am vergangenen Wochenende ließen sich viele vom großen Thema „Recht und Gerechtigkeit“ locken. Filme, sagte Werner Schneider-Quindeau, Mitinitiator des Seminars und Pfarrer aus Frankfurt, in seiner Einführung, seien in diesem Zusammenhang so etwas wie „prophetische Gleichnisreden“. Denn sie legen den Finger auf die Wunde und offenbaren die Widersprüche, die sich hinter der Vorstellung vom „geltenden Recht“ oder der Idee von Gerechtigkeit verbergen. In Filmen werden Schicksale verhandelt und dann zeigt es sich, dass Recht und Gerechtigkeit nicht einfach gesetzt sind, sondern dass auf dramatische Weise darum gerungen werden muss. Wie das gelingen kann, schildert der Klassiker „Die zwölf Geschworenen“: Elf Männer sind gewiss, das Recht zu kennen. Einer wagt zu zweifeln. Allmählich offenbart sich, dass die Gewissheit der anderen auf ungenauer Wahrnehmung beruhte, auf schnell fertiger Übereinkunft. Es wird deutlich: Die Suche nach dem Recht setzt die Bereitschaft zum Zweifel voraus und die Geduld, ganz genau hinzuschauen. Im Film aus dem Jahr 1957 gelingt der Umschwung.

Die Zeugen leiden mehr als die Angeklagten

Seitdem ist die Welt komplizierter und die Zuversicht geringer geworden. Das spiegelte sich in den drei neueren Filmen, die gezeigt wurden. „Sturm“ befasst sich mit den immensen Problemen, die sich hinter den Kulissen des internationalen Gerichtshofs in Den Haag abspielen. Der hehre Wille, Kriegsverbrechen nicht ungesühnt zu lassen, droht an politischen Zwängen zu scheitern. Im Prozess haben die Zeugen mehr zu leiden als die Angeklagten. Ist es die Sache wert?, fragt der Film und lässt doch nicht locker: Wenn die Interessen der Politik über dem Recht der Einzelnen stehen, stirbt die Gerechtigkeit. Um sie am Leben zu erhalten, braucht es persönlichen Mut. Die Institution schafft das nicht. Wie aber können Einzelne mutig und „gerecht“ leben in einer Welt, in der ihnen Freiheit und Auskommen bitter schwer gemacht werden? „Herr Richter, lösen Sie mein Problem!“, heißt es am Anfang des iranischen Films „Nader und Simin – eine Trennung“. Aber der Richter kann da nichts lösen. Auch das religiöse Recht schafft nur Verwirrung. Keiner kann ganz ehrlich sein, wenn elementare Bedürfnisse der eigenen Existenz in Frage stehen. Am Ende haben die Kinder die Last des Ungelösten zu tragen. Das gilt nun nicht nur im Iran, sondern gehört zur universalen Einsicht in das Drama von Recht und Gerechtigkeit: Keine Generation bleibt ohne Schuld, die Last wird immer weitergegeben. Zum Ringen um Recht und Gerechtigkeit gehört auch die eigene Bußfertigkeit. Die Propheten Israels haben als Erste dazu aufgerufen. Kein Zufall wohl, dass es beim Seminar der israelische Film „Soldier“ war, der die Widersprüche zwischen Recht und Wirklichkeit in der eigenen Gesellschaft am schonungslosesten offenlegte. Ein Film, der aufs Gespräch setzte und auf die menschliche Lernfähigkeit. Immer wieder geht es da zuerst um die Genauigkeit der Wahrnehmung. Gute Filme können viel dazu beitragen.

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