Fürs Kino brennen – 97. Verleihung der Oscars

"Anora" ist der große Gewinner

Das Rennen um die 97. Oscars präsentierte sich so offen wie selten. Bei der Gala wurden die Preise insgesamt unter den nominierten Werken verteilt - am Ende gab es aber einen eindeutigen und würdigen Sieger.

Sie träumen vom Höchsten und wollen wenigstens einen Moment lang glauben dürfen, dass Wirklichkeit wird, worauf sie so lange hingearbeitet haben. Wenn es bei aller Unterschiedlichkeit ein gemeinsames Motiv der favorisierten Filme bei der 97. Oscar-Gala gab, dann war es dieses. Träume sind es, die innerhalb des an sich so nüchtern und streng wirkenden Aufgebots von Kardinälen in "Konklave" diejenigen hervorstechen lassen, die hoffen, mit ihrer Stimme bei der Wahl des Papstes die beste Entscheidung für die katholische Kirche inmitten des Konflikts zwischen Tradition und Moderne und angesichts globaler Herausforderungen herbeizuführen.

Träume befähigen den Architekten Laszlo Toth in "Der Brutalist", noch immer an seinen revolutionären Ideen für Bauten festzuhalten - nachdem er knapp dem Holocaust entronnen ist, auf Jahre von seiner Frau getrennt wurde und in den USA mit unterschwelligerem, aber nicht weniger zersetzendem Antisemitismus konfrontiert wird.

Und Träume bringen die junge Stripperin in "Anora" dazu, sich trotz des schlechten Rufs ihres Gewerbes nicht den Glauben an Selbstwert, Talent und Attraktivität nehmen zu lassen und Vertrauen in die Beziehung mit einem russischen Oligarchensohn zu setzen.

Was "Anora" innerhalb dieser Gruppe etwas abhebt, ist das stetig spürbare Gefühl, dass alles hart Erarbeitete auch wieder verloren gehen oder weggenommen werden kann. Eine Überzeugung, die sich nicht nur auf die Angst angesichts einer verunsichernden Weltlage, sondern konkret auf die spezifischen Erfahrungen im Film- beziehungsweise allgemein Showgeschäft beziehen lässt.

Die Anschlussfähigkeit eines für US-Verhältnisse mit bescheidenen sechs Millionen Dollar realisierten Außenseiterfilms wie "Anora" bei den glamourösen Academy Awards erwies sich jedenfalls als leichter als im Vorfeld angenommen. Mit sechs Nominierungen war der Film ins Rennen gegangen, was ihn hinter den 13 Nennungen für das französische Musical-Melodram "Emilia Perez", den je zehn für das Epos "Der Brutalist" und das Märchen-Musical "Wicked" sowie den je acht für die Bob-Dylan-Biographie "Like a Complete Unknown" und für "Konklave" eher auf einen hinteren Platz abzuschieben schien.

Am Ende stand "Anora" in der Nacht zu Montag dann als Sieger fest. Neben dem Oscar für den besten Film gewann Sean Baker die drei Preise für Regie, Originaldrehbuch und Montage, hinzu kam eine Auszeichnung für Hauptdarstellerin Mikey Madison. Ein unerwartet deutlicher Durchmarsch bei den wichtigsten US-Filmpreisen.

Adrien Brody, der für seine emotionale Tour de Force in "Der Brutalist" als bester Hauptdarsteller prämiert wurde, ließ in seiner Dankesrede auch die Unsicherheitsgefühle in seiner Karriere anklingen. Brody war 2003 als bis heute jüngster Schauspieler für seine akribisch erarbeitete Darbietung im Holocaust-Drama "Der Pianist" geehrt worden, hatte sich in den zwei Jahrzehnten danach aber schwergetan, Rollen von vergleichbarem Anspruch zu finden, und immer wieder auch längere Durststrecken erlebt.

Dementsprechend fiel seine Reaktion auf den zweiten "Oscar" etwas ambivalent aus und umfasste eher die Hoffnung, in den nächsten Jahren an diese Ehre anknüpfen zu können, als ungebrochenen Optimismus. Damit brachte er eine nachdenkliche Note in die Kür der Darsteller, die auch drei andere verdiente Gewinner fand. Die 25-jährige Mikey Madison gewann für ihre beherzte Interpretation der Titelrolle von "Anora", Kieran Culkin krönte sein Comeback mit der Nebendarsteller-Auszeichnung für "A Real Pain", Zoe Saldana nahm den Preis als Nebendarstellerin in "Emilia Perez" entgegen.

Ihre emotionalen Äußerungen gehörten zu den denkwürdigen Augenblicken der einmal mehr gefährlich auf die Vierstunden-Marke zugehenden Gala, in der sich ansonsten Sean Baker auch durch seine präzise zu den Themen passenden Dankesreden als gute Wahl für seine Gewinne erwies: Als Drehbuchautor würdigte er die Bereitschaft echter Sexarbeiterinnen, ihre Erlebnisse mit ihm zu teilen, als Editor hob er den wichtigen Anteil seiner Montage an seinem Film hervor, als Regisseur warnte er vor dem rapiden Schwinden der Kinosäle.

In der Dramaturgie des Abends war Baker damit ein verlässlicher Pfeiler, der vor allem im ersten und letzten Teil der Show zur Geltung kam. So war die relativ frühe Verleihung der Drehbuchpreise eine letztlich glückliche Entscheidung der Showproduzenten, da sie "Anora" bereits als Faktor etablierte, mit dem Preis an "Konklave" für das beste adaptierte Drehbuch aber auch noch ein Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden möglich schien.

Nach dem Sieg von "Anora" in der Schnitt-Kategorie kurz darauf hatte die Aufmerksamkeit der Gala sich allerdings zuerst auf andere Filme verlagert. Die schon in früheren Jahren zu findende Absicht der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, ihre Preise zu streuen, trug auch 2025 zur Abwechslung der Show bei. Unter den Konkurrenten um den besten Film gingen lediglich die Romanverfilmung "Nickel Boys" und "Like a Complete Unknown" leer aus.

"Dune: Teil 2" gewann für Ton und Spezialeffekte, "Wicked" für Produktionsdesign und Kostüme, "The Substance" für Make-up und Hairstyling, "Emilia Perez" neben der Ehrung von Zoe Saldana auch für den besten Song. Damit konnte sich neben den Filmkomponisten Camille und Clément Ducol auch Regisseur Jacques Audiard als Song-Mitautor in die Oscar-Annalen einschreiben, während ihm die Auszeichnung für den besten internationalen Film verwehrt blieb.

Diese ging an "Für immer hier" über die Wunden der brasilianischen Militärdiktatur, womit Frankreich erneut den ersten Gewinn dieser Kategorie seit über 30 Jahren verpasste, ebenso wie der für Deutschland ins Rennen geschickte Film "Die Saat des Heiligen Feigenbaums" des Iraners Mohammad Rasoulof.

2025 war der Willen der "Academy"-Mitglieder spürbar, die mit den Oscars identifizierte Filmauswahl zu erweitern. Mit dem lettischen Animationsfilm "Flow" hatte die Animationskategorie so zum ersten Mal einen Gewinner, der nicht aus einem englischsprachigen Herkunftsland oder aus Japan stammte.

Insgesamt verlief die Gala in routinierter Form. Die erstmalige Moderation des Late-Night-Hosts Conan O'Brien enthielt wenig misslungene Gags, aber auch wenig inspirierte Höhenflüge. Schwächen besaß die Verleihung vor allem im Ungleichgewicht der Präsentationen, indem manche Kategorien in aller Knappheit abgehandelt wurden, während bei Kamera und Kostümen alle Nominierten jeweils einzeln von Schauspielstars der Filme vorgestellt wurden.

Auch der Einbezug der jüngsten Brandkatastrophe von Los Angeles, bei der angesichts von tausenden verbrannten Häusern die Klagen gutgestellter Hollywood-Stars über ihre Verluste viel Kritik hervorgerufen hatte, geriet in der Gala etwas holprig. Der Auftritt einiger Feuerwehrleute auf der Showbühne hatte etwas Alibimäßiges, als hätten die Hinweise der Leiter der Academy auf Spende-Möglichkeiten für Brandopfer nicht ausgereicht.

Im Aufbau der Show zeigte sich doch wieder die tiefsitzende Unsicherheit, die in der Filmbranche bereits seit Jahren durch die aufeinanderfolgenden und parallelen Bedrohungen - Streaming-Dienste, YouTube- und TikTok-Konkurrenz, Corona-Pandemie - für furchtsame Reaktionen sorgt. Dabei könnte die Kinobranche ebenso gut mit Stolz und Zuversicht auf ihre Gegenwart und Zukunft blicken. Angesichts von einem Filmaufgebot, wie es sich nun bei der 97. Oscar-Verleihung präsentierte und seiner Macher, die weiterhin für das Kino brennen.

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