Die genetische Veranlagung jedes Menschen hat Einfluss auf die persönliche Lebenserwartung. Wie hoch dieser Einfluss ist, ist aber wissenschaftlich umstritten. Eine neue Studie schätzt ihn höher ein als bisher gedacht.
Wie alt Menschen werden, hängt nach einer neuen Studie stärker von den Genen ab, als bislang gedacht. In einer am Donnerstagabend im Fachjournal "Science" veröffentlichten Studie kommt ein Team vom Weizmann-Institut in Israel und anderen Forschungseinrichtungen zu dem Schluss: Wie lange ein Mensch lebt, soll zu mehr als 50 Prozent erblich bedingt sein. Bisherige Studien gingen von einem genetischen Anteil von etwa 10 bis 20 Prozent aus.
Die höheren Werte ergaben sich, weil die Wissenschaftler Todesfälle durch externe Faktoren wie Unfälle, Umweltgefahren oder ansteckende Krankheiten systematisch herausgerechnet haben. Diese äußeren Todesursachen würden die Rolle der Genetik bei der Vererbbarkeit der Lebensspanne verzerren, so die Autorinnen und Autoren.
Grundlage der Studie waren Analysen, die die Lebenserwartungen von Zwillingen in Skandinavien untersuchten. Dabei wurden knapp 14.000 Geschwisterpaare einbezogen, die zwischen 1870 und 1935 geboren und mindestens 15 Jahre alt wurden. Die Ergebnisse wurden mit einer US-amerikanischen Kohorte von Geschwistern Hundertjähriger kontrolliert. In allen Kohorten zeige sich, dass die Unterschiede in der Lebenserwartung zu etwa 50 Prozent durch die Gene erklärt werden können - wenn externe Todesursachen herausgerechnet würden.
Steve Hoffmann vom Leibniz-Institut für Alternsforschung in Jena, bezeichnete die Ergebnisse der Studie als realistisch. Sie seien auch mit Ergebnissen aus Tiermodellen vereinbar, etwa aus Mausstudien, sagte er dem Science Media Center in Köln. Allerdings handele es sich um Schätzungen, die lediglich Anhaltspunkte "für eine durchschnittliche Vererbbarkeit der Lebensspanne" böten. Der Einfluss nicht-erblicher Faktoren bleibe auch nach dieser Schätzung hoch. Umweltbedingungen und das eigene Verhalten seien daher entscheidende Einflussgrößen für die Länge und Qualität des Lebens von Menschen. "Die Ergebnisse dieser Arbeit werden mich definitiv nicht dazu bringen, wieder zu rauchen."
Chiara Herzog, Arbeitsgruppenleiterin am Department für Zwillingsforschung und Genetische Epidemiologie am King's College London, betonte, dass genetische Faktoren das Lebensalter stark beeinflussten, zeige sich auch an den unterschiedlichen Lebensspannen von Säugetieren. "Mäuse leben nur wenige Jahre, andere Arten wie der Grönlandwal jedoch bis zu 200 Jahre. Diese Unterschiede lassen sich nicht allein durch Umwelt oder Lebensstil erklären, da selbst unter optimalen Bedingungen eine artspezifische Obergrenze besteht."
Innerhalb dieser biologischen Grenzen bleibe jedoch großer Spielraum, sagte Herzog dem Science Media Center: "Auf individueller Ebene haben Umwelt- und Lebensstilfaktoren einen starken Einfluss darauf, wie lange und wie gesund wir tatsächlich leben." Zwillingsstudien zeigten seit Langem, dass selbst eineiige Zwillinge mit identischer Genetik im Laufe ihres Lebens unterschiedliche Erkrankungen entwickeln könnten - und dass diese Unterschiede mit zunehmendem Alter größer würden.
Auf individueller Ebene spielten Verhaltensfaktoren wie Bewegung, Ernährung, und soziale Einbindung ebenso wie gesellschaftliche Rahmenbedingungen - etwa der Zugang zu sauberer Luft, Wasser, und Grünflächen - weiterhin eine zentrale Rolle dafür, wie lange und wie gesund Menschen lebten, ergänzte die Zwillingsforscherin. "Ich sehe diese Ergebnisse daher nicht als Argument, individuelle oder gesellschaftliche Präventionsmaßnahmen zu vernachlässigen."
Björn Schumacher, Leiter des Instituts für Genomstabilität in Alterung und Erkrankung an der Uni Köln, verwies auf eine britische Studie, nach der sich Rauchen als der wichtigste Umweltfaktor herausgestellt habe, der den Alterungsprozess ungünstig beeinflusst. Im Gegensatz dazu verzögerten Sport und ein besserer sozioökonomischer Status das Altern.
Die neue Studie stelle nun die Anschlussfrage, ob und welche Genvarianten zur Langlebigkeit bei Menschen beitragen. "Dass es eine maximale Lebensspanne von bis zu 120 Jahren beim Menschen gibt, ist klar genetisch bedingt und unterscheidet die menschliche Lebensdauer von denen anderer Arten", sagte er. "Aber wie die Genvarianten beim Menschen diese 120 Jahre beeinflussen, ist weniger klar."