Fiebersäfte für Kinder und Notfallsprays für Asthmatiker - weiterhin mangelt es europaweit immer wieder an wichtigen Medikamenten. Die EU will gegensteuern. Führt das zu höheren Preisen?
Weil bestimmte Medikamente in Europa immer wieder knapp sind, will die EU die Versorgung verbessern. Das EU-Parlament stimmte am Dienstag in Straßburg über den sogenannten Critical Medicines Act ab. Damit soll es sich für Hersteller mehr lohnen, unverzichtbare Arzneimittel zu produzieren - möglichst in der EU. Auch langfristig soll dadurch die Abhängigkeit von Drittstaaten reduziert werden. Laut dem Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte gibt es aktuell bei knapp 550 Medikamenten Lieferengpässe, beispielsweise bestimmte Cortison-Präparate und Sprays gegen Atemnot.
Der Vorschlag sieht vor, dass öffentliche Auftraggeber bei Vergaben nicht automatisch der günstigsten Pharmafirma den Zuschlag geben. Stattdessen können etwa Hersteller bei Vergabeentscheidungen bevorzugt werden, wenn wesentliche Produktionsschritte des Medikaments oder des Wirkstoffs innerhalb der EU stattfinden. Außerdem soll für kritische Arzneimittel nicht nur ein Hersteller den Zuschlag bekommen, sondern es müssen mehrere berücksichtigt werden. So soll die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern verringert werden.
Gibt es finanzielle Förderung, muss der Projektträger nachweisen, dass die Mittel innerhalb des Gebiets der EU verwendet werden. Die EU will außerdem, dass die Mitgliedstaaten Genehmigungsverfahren, die zu mehr Produktion von kritischen Medikamenten führen, deutlich beschleunigen.
Als letztes Mittel bei Engpässen soll es der EU möglich sein, eine Umverteilung von Beständen zwischen Mitgliedstaaten anzuordnen. Außerdem wird vorgeschlagen, aus Mitteln des EU-Haushalts eine EU-Arzneimittelreserve für kritische Medikamente anzulegen. Die Europäische Kommission und die Europäische Arzneimittelagentur stufen auf einer Liste kritischer Arzneimittel Präparate ein, die für die Gesundheitsversorgung als unverzichtbar gelten. Dazu zählen etwa Antibiotika, Insulin und Impfstoffe.
Der Arzt und EU-Abgeordnete Peter Liese (CDU) sieht in dem Gesetzesvorhaben einen Durchbruch. Knapp seien mehrheitlich Medikamente, bei denen der Patentschutz lange abgelaufen ist und die günstig vor allem in China und Indien produziert werden. Er rechnet damit, dass das Vorhaben für Patienten und Krankenkassen zu etwas höheren Medikamentenpreisen führt. Da es insgesamt aber vor allem um die sehr billigen Generika gehe, seien keine hohen Summen zu erwarten, erläuterte Liese. Außerdem entstünden Einsparungen bei Kosten für Folgebehandlungen durch fehlende Arznei und für den Aufwand des medizinischen Personals, nach Ersatzmedikamenten zu suchen.
Der Critical Medicines Act wurde im März 2025 von der EU-Kommission vorgestellt. Mit einer endgültigen Einigung zwischen EU-Parlament, den Mitgliedstaaten und der Kommission wird vor dem Sommer gerechnet.