Eigentlich sollten sich Kinder dort erholen und aufgepäppelt werden. Oftmals mussten sie stattdessen bei Kinderkuren aber Kontrollen, Demütigungen und Einschüchterungen erleiden, so ein Bericht.
Bei Kinderkuren in der alten Bundesrepublik sind in den vergangenen Jahrzehnten laut einer Untersuchung Missstände an der Tagesordnung gewesen. Es habe vielfach keine angemessenen pädagogischen Konzepte gegeben, zudem fehlte Fachpersonal, heißt es in einer ersten bundesweiten Studie, die am Donnerstag veröffentlicht wurde. Einschüchterungen und Demütigungen waren demnach keine Einzelfälle, sondern strukturell bedingt.
Die Untersuchung wurde vom Deutschen Caritasverband, der Diakonie Deutschland, dem Deutschen Roten Kreuz und der Deutschen Rentenversicherung in Auftrag gegeben und veröffentlicht. Ein Forschungsteam der Berliner Humboldt-Universität untersuchte das westdeutsche Kinderkurwesen zwischen 1945 und 1989. Ausgewertet wurden historische Dokumente aus rund 60 Archiven. Zudem seien zahlreiche Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen geführt worden. Einem eingesetzten Projektbeirat gehörten demnach auch Vertreterinnen von Betroffeneninitiativen an.
Die Studie kommt zu dem Schluss, dass viele Jungen und Mädchen in den Kinderkureinrichtungen keine erholsame oder heilsame Zeit hatten. Betroffene berichteten von mangelhaften räumlichen und hygienischen Bedingungen und davon, dass sie kontrolliert, eingeschüchtert und zum Teil gedemütigt worden seien. Manche waren Gewalt ausgesetzt.
Zwischen 1951 und 1990 verbrachten laut Schätzung der Autorinnen und Autoren rund 11,4 Millionen Kinder und Jugendliche Aufenthalte in Kinderkur- und -erholungsheimen sowie in entsprechenden Heilstätten. Ziel der damaligen Kinderkuren sei es in der Regel gewesen, Kinder bei guter Ernährung und an der frischen Luft gesundheitlich zu stärken.
Das Kinderkurwesen der alten Bundesrepublik sei durch eine komplexe Struktur von Trägern, Fach- und Interessensverbänden, Entsendestellen und nicht zuletzt durch eine große Zahl von Heimen geprägt gewesen. Verschrieben wurden die Kuren demnach von Ärzten oder sie wurden von Jugend- und Gesundheitsämtern veranlasst. Die Kosten trugen meistens Krankenkassen und damalige Rentenversicherungen.
Caritas-Präsidentin Eva Maria Welskop-Deffaa erklärte dazu, statt Fürsorge und Geborgenheit hätten viele der verschickten Kinder Demütigung und Schmerz erfahren. "Die Erkenntnisse des Forschungsberichts erschüttern uns", so Welskop-Deffaa. Das erlittene Leid könne nicht ungeschehen gemacht werden, "aber wir stehen zu unserer Verantwortung und sprechen den Betroffenen unser tief empfundenes Bedauern aus". Die Durchführung von Kindererholungsmaßnahmen sei Teil der Geschichte verschiedener Einrichtungen und Verbände.
Diakonie-Präsident Rüdiger Schuch betonte ebenfalls, er bedauere, dass Kinder und Jugendliche in der damaligen Zeit Gewalt und Erniedrigung bei Kinderkuren erfahren hätten. Die Kinder- und Jugendpädagogik habe sich seither sehr viel weiterentwickelt und stelle heute die Rechte und die Würde von jungen Menschen in den Mittelpunkt.