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„Die Kirche braucht uns“

Seit 111 Jahren werden im Wittener Martineum Diakone ausgebildet. Studium und Berufsbilder haben sich verändert – die Gemeinschaft wird von ihren Mitgliedern nach wie vor geschätzt

WITTEN – Anzüge, Schlips und Kragen, ordentlich gescheitelte Haare. Recht gestreng sahen die Jugendmitarbeiter aus, die im Jahr 1930 im Wittener Martineum ausgebildet wurden. Das evangelische Brüderseminar war zu diesem Zeitpunkt bereits 23 Jahre alt. Vor 111 Jahren, am 10. November 1907, wurde es in Witten gegründet. Bestimmungszweck: die Ausbildung von Gemeindehelfern und Jugendpflegern. Eine „Kampftruppe gegen Freidenker und Sozialdemokraten“ sollten sie sein, wie der erste Direktor des Martineums, Pastor Wolf, damals formulierte.

Zwei Jahre gemeinsamen Lebens

Die Zeiten ändern sich. Mehrmals zog das Martineum um, mehrmals änderte es seinen Namen. Ende der 1970er Jahre, als Jörg Bielau seine Diakonenausbildung begann, waren die Kleidersitten deutlich lockerer; Frauen konnten Diakoninnen werden und auch die Feindbilder hatten sich verschoben. Dennoch waren einige Vorgaben noch recht streng: So zog Bielau erst einmal gemeinsam mit den anderen Diakonenschülern in ein Haus und arbeitete ein Jahr lang in der Pflege. „Das war nicht ganz einfach“, erinnert sich der heute 58-Jährige. „Wir wurden gleich in den Schichtdienst gesteckt und mussten uns ganz schön durchbeißen.“
Dabei wollte Bielau in die Jugendarbeit und nicht in die Pflege – aber das Jahr der diakonischen Behinderteneinrichtung Volmarstein war Voraussetzung für die Einsegnung als Diakon.
Später hat Bielau seinen Traum dann doch verwirklicht: Im Kirchenkreis Hagen arbeitet er bis heute mit Jugendlichen. Die Erfahrungen in der Pflege findet er im Rückblick durchaus wertvoll – ebenso wie das zweite Jahr der Diakonen-Ausbildung, den „Theologischen Oberkurs“, zu dem der ganze Jahrgang nach dem Studium noch einmal zusammenkam. „Ich war aber doch froh, ein Einzelzimmer zu haben“, gibt Bielau zu.
Heute sehen die Ausbildungsbedingungen für Diakoninnen und Diakone wiederum völlig anders aus. Das gemeinsame Leben während der Ausbildung ist verschwunden – die beiden zusätzlichen Jahre wurden schlicht zu teuer. Wer jetzt der Gemeinschaft evangelischer Diakoninnen und Diakone – so der aktuelle Name – beitreten möchte, studiert Gemeindepädagogik und soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum und besucht zusätzlich eine Reihe von praktischen Studientagen sowie die Jahrestreffen des Martineums in Witten. Melanie Hülsmann hat diese Form der Ausbildung durchlaufen und dabei gemerkt: „Für mich ist diese Gemeinschaft sehr wichtig.“

Eine Gemeinschaft im Rücken hilft

Hülsmann hat ihr Studium vor einem Jahr abgeschlossen hat und arbeitet jetzt als Jugend-Diakonin in Bochum-Harpen. Sie hat erst im ersten Semester an der Hochschule von der diakonischen Gemeinschaft erfahren: „Vorher wusste ich gar nicht, was eine Diakonin ist“, erzählt sie lachend. Ihren Entschluss, der Martineums-Gemeinschaft beizutreten, hat sie nicht bereut. „Während der drei Jahre Studium wird der eigene Glaube ja ganz schön durchgerüttelt“, sagt Hülsmann. „Da ist es gut, wenn man Schwester und Brüder hat, die mittragen.“
Auch als Berufsanfängerin findet Hülsmann den Halt und Rat der generationenübergreifenden Gemeinschaft wertvoll. Und ihr ist wichtig, ein Amt in der Institution Kirche zu haben. „Für mich bedeutet die Einsegnung zur Diakonin: Du darfst und sollst hier von deinem Glauben erzählen“, so Hülsmann. „Außerdem war dieser Segen für mich so etwas wie ein persönliches Ja von Gott zu meiner Aufgabe.“
Hat der Beruf der Diakonninen und Diakone eine Zukunft? „Auf jeden Fall – mehr denn je!“, meint Jörg Bielau. Gut ausgebildete Spezialistinnen und Spezialisten für die Jugendarbeit seien für die Zukunft der Kirche unbedingt notwendig. Und: „Eine Gemeinschaft im Rücken tut gut, denn die Arbeit wird nicht einfacher.“ Das sieht Melanie Hülsmann genauso: „Pfarrerinnen und Pfarrer werden weniger, da rückt unser Beruf in den Vordergrund.“

Teamarbeit muss gestärkt werden

Allerdings muss die Teamarbeit in der Gemeinde ihrer Ansicht nach dringend gestärkt werden, meint die junge Diakonin. Denn nach wie vor sind Mitarbeitende in der Jugendarbeit, der Gemeindepädagogik oder der Kirchenmusik rechtlich anders gestellt als Pfarrerinnen und Pfarrer, obwohl sie eine umfangreiche praktische und theoretische – auch theologische – Ausbildung haben und in ihren Arbeitsbereichen selbstständig die Verantwortung tragen. „Wir haben keine Stimme im Presbyterium, und in vielen Gemeinden werden Diakoninnen oder Diakone noch nicht einmal dann zu den Sitzungen eingeladen, wenn es um ihren Arbeitsbereich geht“, kritisiert sie. Die viel beschworene „Augenhöhe“ könne noch verbessert werden.
Aber erst einmal wird gefeiert: Das Jahrestreffen der Martineums-Gemeinschaft vom 8. bis 10. November steht ganz im Zeichen des Jubiläums.

Informationen rund um das Martineum und die Ausbildung zur Diakonin/zum Diakon: