1.800 Gäste, eine Menge Polit-Prominenz, die letzten Überlebenden und Befreier mit ihren Nachkommen: Am 4. Mai erinnert die KZ-Gedenkstätte Dachau an den 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers. Die „Befreiungsfeier“ fällt in eine Zeit der Umbrüche: Ohne Augenzeugen des NS-Terrors muss sich die Erinnerungsarbeit neu erfinden. Pläne zur Neukonzeption der Gedenkstätte am Ort des ersten Konzentrationslagers der Nazis liegen schon lange in der Schublade; zuletzt bremste das Hickhack um Finanzen und Formalia zwischen Freistaat und Bund das Vorhaben aus. Anfang 2026 sollen nun die ersten Umbaumaßnahmen beginnen. Ein Gespräch mit der Gedenkstättenleiterin, Gabriele Hammermann, über steinerne Zeugen, neue Medien und überholte Formeln.
epd: Jedes Jahr erinnert die Gedenkstätte mit einem Gedenkakt an die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau am 29. April 1945 durch US-amerikanische Truppen. 80 Jahre ist das jetzt her - warum ist der diesjährige Gedenktag für Sie besonders?
Hammermann: Eine Befreiungsfeier dieser Dimension gehört zu den letzten ihrer Art. Zum letzten Mal werden Überlebende zu uns sprechen. Vor fünf Jahren hatten wir 70 Anmeldungen - dieses Jahr können nur noch acht Überlebende und zwei Befreier des Konzentrationslagers teilnehmen. Dazu ist der 80. Jahrestag überschattet von den politischen Entwicklungen in unserem Land und weltweit.
epd: Wie spüren Sie das in der KZ-Gedenkstätte?
Hammermann: Die KZ-Gedenkstätte stellt angesichts von Kriegen wie dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, aber auch durch das Erstarken rechter extremer Parteien verschiedene Formen der Renationalisierung des Gedenkens fest. Unsere Erinnerungskultur und unsere Aufklärungsarbeit werden infrage gestellt. Von der einen Seite werden historische Verbrechen relativiert. Andere versuchen, unsere Arbeit zu vereinnahmen. Der Druck, der dadurch entsteht, belastet uns sehr.
epd: Wird sich der Charakter und das Format des Gedenkens verändern, wenn keine Überlebenden mehr kommen?
Hammermann: Ja, das bereitet die KZ-Gedenkstätte bereits vor. Im Mai findet bei uns ein internationales Forum der Nachkommen statt, in dem sich mehrere hundert Nachkommen von Häftlingen aus verschiedenen Gruppen und Phasen austauschen, vernetzen und Anregungen für zukünftige gemeinsame Projekte sammeln können. Das ist eine Auftaktveranstaltung, um dieses Format zu verstetigen.
epd: In den vergangenen Jahren gab es verschiedene Projekte, um mittels Virtual Reality und Hologrammen auch späteren Generationen noch die „Begegnung“ mit Überlebenden zu ermöglichen. Was sind für Sie geeignete Formen dafür?
Hammermann: Wir werden die Zeitzeugen nicht ersetzen können. Aber die KZ-Gedenkstätte Dachau hat über Jahrzehnte Video-Interviews gesammelt. Vor allem die frühen Gespräche sind ein unschätzbares Gut, aber sie müssen eingeordnet werden: Die Interviews der 1980er-Jahre wurden oft mit ehemaligen politischen Häftlingen geführt, die vor allem zwischen 1933 und 1939 inhaftiert waren. Sie hatten ganz andere Erfahrungshintergründe als Verfolgte, die mit 16 oder 20 Jahren in ein Außenlager verschleppt wurden. An neuen technischen Formaten wie den Hologrammen konnten nur noch ganz wenige ehemalige Häftlinge mitwirken, die damals sehr jung waren - all das muss man bedenken, damit die Wahrnehmung der Vergangenheit nicht verfälscht wird.
epd: Seit Jahren ist eine Neukonzeption der Gedenkstätte geplant, es gab Verzögerungen und ein Tauziehen zwischen Bayern und dem Bund um die Finanzierung. Womit geht es denn nun los?
Hammermann: Vordringlich ist die Sanierung der beiden in den 1960er-Jahren rekonstruierten und denkmalgeschützten Baracken. Auch die Ausstellung über das Leben der Häftlinge wird neu gestaltet. Neu werden an diesem Ort die Entstehungszusammenhänge der Baracken sein: Der Kampf um einen würdigen Gedenkort in den 1950er und 1960er Jahren. Aber auch die Themen Terror, Gewalt, Lagerhierarchie und unterschiedliche Lebenswelten. Thematisiert werden die alltäglichen und sozialen Bedingungen des Lagerlebens: die fehlenden Rückzugsräume und Intimität, die Gewalt durch Wachmannschaft und Funktionshäftlinge. Außerdem entsteht ein großes Bildungszentrum, da eine gute Vor- und Nachbereitung zentral ist. Zudem wird das Archiv samt Bibliothek und Sammlung ausgebaut und ein Depot für Sammlungsstücke errichtet.
epd: Wann geht es damit los und was kostet das?
Hammermann: Dieses erste Maßnahmenpaket soll ab Anfang 2026 umgesetzt werden und - so die Planung - 2029 abgeschlossen sein. Die Kosten sind auf rund 38,8 Millionen Euro veranschlagt, die mit Mitteln des Freistaats Bayern und aus dem „KulturInvest“-Fonds des Bundes getragen werden. Damit sind wir sehr privilegiert, und dafür sind wir sehr, sehr dankbar.
epd: Ist denn danach noch Geld da für die weiteren Ideen der Neukonzeption?
Hammermann: Dafür müssen neue Förderanträge gestellt werden. Manches davon, wie die Neugestaltung der Hauptausstellung sowie der Ausstellungen im ehemaligen Lagergefängnis oder im Krematoriumsbereich, sind baulich nicht so intensiv. Ein größeres Projekt wird hingegen die Instandsetzung des sogenannten „Kräutergartens“ sein, wo Häftlinge schwerste Zwangsarbeit leisten mussten. Die Bodenuntersuchungen dort sind fast abgeschlossen, wir hoffen, dass uns die Stadt Dachau das Gelände schon im Laufe des Jahres 2025 übertragen kann. Es ist interessant zu sehen, dass dieser historische Ort, an dem das NS-Regime mit anthroposophischem Landbau experimentierte, wieder einen ganz anderen Besucherkreis anspricht: Landschaftsarchitekten, Landwirte, Anthroposophen, die sich mit der Vergangenheit ihres Faches beschäftigen.
epd: Auch die Gebäude der NS-Kommandantur, die ja westlich der Gedenkstätte auf dem Gelände der Bayerischen Bereitschaftspolizei liegen, sollen für die Erinnerungsarbeit erschlossen werden. Wie ist da der Stand?
Hammermann: Ursprünglich sollte das Gebäude der KZ-Gedenkstätte Dachau 2025 übertragen werden, aber dafür muss noch ein Ersatzgebäude gefunden hat. Die historischen Gebäude dort sind sehr wichtig für die Gedenkstätte, denn sie bilden die erste Lagerphase von 1933 bis 1939 ab, als in Dachau vor allem Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftler inhaftiert waren - diese Phase wird bislang auf dem Areal der Gedenkstätte nicht ausreichend sichtbar. Zugleich gab es auf diesem Areal auch Freizeiteinrichtungen für die Wachmannschaften: einen Bierkeller, eine Kegelbahn. Diesen Alltag der Täter gilt es auch zu zeigen - die Vergemeinschaftung der Männer in der Freizeit, die gemeinsamen Verbrechen am Tag. Gerade junge Menschen fragen heute auch nach den Tätern. Das Internationale Dachau-Komitee hatte in diesem Punkt bei der letzten Neugestaltung der Hauptausstellung 2003 noch Vorbehalte. Im jetzigen Komitee gibt es dazu eine größere Offenheit.
epd: Zu jedem Gedenkakt zum Thema NS-Verbrechen gehört das ritualisierte „Nie wieder!“, das von Politikern und anderen Verantwortlichen beschworen wird. Mit welchem Gefühl hören Sie im Jahr 2025 diese Beschwörungsformel?
Hammermann: Das „Nie wieder“ wird in der Gesellschaft und in den Erinnerungsgemeinschaften weiterhin als verbindender Ausdruck wahrgenommen. Aber wenn man auf die politische Lage in Deutschland und weltweit schaut, klingt es wie eine nicht mehr ganz zeitgemäße Formel. Wenn diese Formel nur ein Appell bleibt, der kein eigenes Handeln zur Folge hat, verkommt sie zum Ritual. Etwas anderes zu finden, wäre allerdings schwierig. Aber Erinnerungsorte wie die KZ-Gedenkstätte Dachau müssen unbequem bleiben, auch wenn das Beharrungsvermögen bei manchen Fragen groß ist.
epd: Was ist Ihre Wahrnehmung: Schwindet das Interesse und das Verständnis für die „Echtheit“ des Geschehens in den Konzentrationslagern mit dem zeitlichen Abstand zum Kriegsende?
Hammermann: Unsere Besuchszahlen haben sich in den letzten 15 Jahren von 600.000 auf knapp eine Million erhöht, das Interesse steigt also. Wir sehen, dass die „steinernen Zeugen“, also die historischen Orte, immer wichtiger werden, je weniger Überlebende ihre Geschichte erzählen können. Während der Coronapandemie wurden unsere digitalen und virtuellen Angebote sehr stark genutzt. Doch das hat zu unserer Überraschung eher wieder nachgelassen: Sich historische Objekte und Orte zu erschließen, ist für viele Menschen wichtig. Außerdem verändern sich die Interessen der Besucher: Die Außenlager rücken in den Fokus, auch Themen wie die „Dachauer Prozesse“, der Umgang der Gesellschaft mit den Verbrechensorten der Nachkriegszeit. Neue Generationen werden neue Fragen stellen. Wir möchten die Gedenkstätte so ausstatten, dass das möglich sein wird. (1394/25.04.2025)