Von Make-up bis Momfluencer: Weiblich geprägte Konsumtrends gelten oft als oberflächlich oder affektiert. Sprachwissenschaftlerinnen decken auf, wie sich gesellschaftliche Vorurteile im Begriff "cringe" spiegeln.
Das Konsumverhalten von Frauen wird nach Aussage von Wissenschaftlerinnen in den Sozialen Medien häufig als "cringe" oder übertrieben dargestellt. "Cringe" steht umgangssprachlich für peinlich oder unangenehm. Männlich geprägter Konsum hingegen werde weniger kritisch wahrgenommen.
",Cringe', das beschreibt in diesem Kontext eine Kombination aus Anregendem und Abstoßendem, Scham und Lust", erklärt Sprachwissenschaftlerinnen Theresa Heyd von der Universität Heidelberg. "Weibliches Verhalten wird dabei als exzessive Praxis des Überkonsums gelesen."
Heyd und Heide Volkening von der Universität Greifswald forschen gemeinsam zu sogenannten "guilty pleasures" (zu deutsch: schuldiges Vergnügen) und den Einfluss von Geschlecht und Klasse auf Cringe-Urteile. Bei einer Veranstaltung des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen stellten sie jüngst erste Ergebnisse vor.
Aktuelle Beispiele aus der kürzlich erschienenen Liste "The Year in Stuff" des britischen "Guardian" seien dafür folgende: Erstens der Stanley-Cup-Trinkbecher, ein großer Thermobecher, der Getränke stundenlang kühl halten soll. Er ist besonders auf Tiktok bei sogenannten Momfluencern beliebt. Zweitens der neue Roman "All Fours" von Miranda July, in dem eine 45-jährige Frau ihre sexuelle Selbstbestimmung neu entdeckt.
In beiden Fällen gehe es um weiblich gelesene Praktiken der Selbstinszenierung - oft mit dem Ziel von Aufmerksamkeit und Zugehörigkeit. Diese Form von Konsum werde gesellschaftlich schnell als übertrieben, affektiert oder gar abstoßend empfunden. Grund dafür seien die klassischen Gendernormen: Generell werde die Selbstinszenierung bei Frauen negativer gesehen als bei Männern.
Hinzu komme, dass Produkte und Praktiken, die stark mit Weiblichkeit assoziiert werden - wie Make-up oder romantische Filme - als oberflächlich oder wenig ernsthaft abgewertet werden, erklären Heyd und Volkening. "Ein männliches Pendant wäre zum Beispiel der Tesla Cybertruck", sagte Theresa Heyd. Dennoch, so ihr Fazit, bleibe das Stigma des "cringe Konsums" vor allem weiblich konnotiert.