Bistum Speyer: Zahl der Missbrauchstäter nach oben korrigiert

Die Zahl der mutmaßlichen Missbrauchstäter im katholischen Bistum Speyer muss weiter nach oben korrigiert werden. Im Zuge der unabhängigen Aufarbeitung des Geschehens durch die Universität Mannheim sei die Zahl der nach Aktenlage Beschuldigten um 20 angewachsen, heißt es in dem am Donnerstag veröffentlichten ersten Zwischenbericht der Historikerin Sylvia Schraut. Zum jetzigen Zeitpunkt sei von 109 zwischen 1946 und 2023 im Bistum beschäftigten Klerikern auszugehen, die des sexuellen Missbrauchs beschuldigt oder überführt worden seien.

Vor allem katholische Kinderheime und Internate mit ihren strengen Hierarchien und autoritären Erziehungskonzepten seien lange Zeit „Hotspots des sexuellen Missbrauchs“ gewesen, heißt es in dem Bericht. Im Bistum Speyer sei in den 1950er und 1960er Jahren eine „Reihe von hohen Amtsträgern und Heimleitern in das Missbrauchsgeschehen verwickelt“ gewesen. Detailliert schildert der Bericht etwa Vorgänge im Konvikt St. Ludwig in Speyer, im Jugendwerk St. Josef in Landau-Queichheim oder im Internat Johanneum in Homburg/Saar.

Das Forscherteam um Schraut hatte umfangreiche Akteneinsicht genommen und Gespräche mit Zeitzeugen und Missbrauchsopfern geführt. Um Zugriff auf die Personalakten zu erhalten, seien umfangreiche Absprachen nötig gewesen, die „nicht ohne Probleme abliefen, aber letztlich zu einem tragfähigen Ergebnis führten“.

Die Aufarbeitung sei dadurch erschwert worden, dass bis etwa 2010 im Bistum Speyer keine systematische Archivierung von Unterlagen zu Missbrauchs- und Verdachtsfällen gegeben habe: „Speyer gehört zur Minderheit der Diözesen, in denen die Akten zwar für die Forschung zugänglich sind, aber der Zugriff auf die Diskussionen um sexuellen Missbrauch einem Stochern im Nebel gleichkommt.“ Zudem gebe es den Verdacht, dass einschlägige Personalakten in manchen Fällen in der Vergangenheit „gesäubert“ wurden.

Bis zum Beginn der systematischen Aufarbeitung von Missbrauchsvorwürfen in den Jahren ab 2010 sei der Umgang mit Betroffenen wie auch in anderen Bistümern durch Ignoranz gekennzeichnet gewesen. Grundsätzlich sei sexueller Missbrauch als individuelles Fehlverhalten eingestuft worden, wenn die Täter nicht sogar in Schutz genommen wurden. Strukturelle Probleme habe die Kirche lange nicht eingestehen wollen.

Ein Beispiel dafür sei die weitgehende Unabhängig der Mönchsorden, die eine Kontrolle durch das Bistum verhindere, kritisierte Studienleiterin Schraut: „Das Aufsichtsverhältnis in der Zusammenarbeit von Orden und Bistum ist bis heute nicht befriedigend gelöst.“ Das katholische Bistum will sich morgen in einer Pressekonferenz zu den bisherigen Erkenntnissen äußern.

👋 Unser Social Media