"Eklatantes Leitungsversagen" habe Missbrauch und Gewalt im Bistum Speyer über Jahrzehnte ermöglicht, sagt der Speyerer Bischof in einer ersten Reaktion auf eine wissenschaftliche Untersuchung. Und er bittet um Vergebung.
Der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann hat erschüttert auf die Vorstellung der ersten Missbrauchsstudie für das Bistum Speyer reagiert. Bei einer Pressekonferenz sprach Wiesemann am Freitag von einem "tief beschämenden Geschehen in der Geschichte unseres Bistums". Es habe "teilweise eklatantes Leitungsversagen" in der Diözese gegeben, vor allem in den 1950er und 1960er Jahren.
Bei der Aufarbeitung liege noch ein "langer Weg" vor dem Bistum, "ein Lernprozess, den wir mit den Betroffenen gehen wollen", sagte der seit 2008 amtierende Bischof. "Grundlegend für einen solchen Weg ist das uneingeschränkte Eingestehen der Schuld, die wir als Kirche auf uns geladen haben", betonte Wiesemann und fügte hinzu: "Ich kann nur aus ganzem Herzen um Vergebung bitten."
In der am Donnerstag vorgestellten, 473-seitigen Studie hieß es, fehlende Machtkontrolle und autoritäre Amtsausübung hätten jahrzehntelang Missbrauch und sexualisierte Gewalt durch Priester, Ordensleute und kirchliche Mitarbeiter im Bistum ermöglicht. "Die kirchlichen Strukturen haben die Straftaten maßgeblich begünstigt", so die unabhängige Untersuchung, die von Wissenschaftlerinnen der Universität Mannheim erarbeitet wurde. "Mitverantwortlich für das Verschweigen von Missbrauch und die langjährige Verhinderung von Prävention dürfte zudem die rigide Sexualmoral der katholischen Kirche sein", sagte die Historikerin und Studienleiterin Sylvia Schraut.
Die Untersuchung hat Personalakten und weitere Aufzeichnungen des Bistums für die Zeit von 1946 bis in die Gegenwart ausgewertet und kommt so zu einer Gesamtzahl von 109 Priestern und 41 Nichtklerikern, die des Missbrauchs oder sexueller Übergriffe beschuldigt wurden.
Als einen "Hotspot" für Übergriffe bezeichnet die Studie kirchliche Heime für Kinder und Jugendliche. Dort hätten Kleriker und andere Berufsgruppen jahrelang ein "Betriebsklima" vorgefunden, "das sexuelle Übergriffe erleichterte", heißt es in der Studie. Beispielsweise kam es in einem früheren Kinderheim in der Speyerer Engelsgasse zu Missbrauch und Gewalt. "Unter den 41 beschuldigten Nichtklerikern sind auch Nonnen", sagte Schraut.
Die Universität Mannheim kündigte an, innerhalb des auf vier Jahre angelegten Forschungsprojekts 2027 einen zweiten Bericht zu veröffentlichen. Darin soll es um konkrete und detaillierte Fallanalysen gehen.