“All of Us Strangers” – dieser Film bezaubert

Es geht um die Begegnung eines schwulen Drehbuchautors mit seinen bereits verstorbenen Eltern: Andrew Haighs neuer Kinofilm “All of Us Strangers” bezaubert, irritiert und bewegt.
“All of Us Strangers” – dieser Film bezaubert
Berlinale – ein Ort, an dem Filmkunst existenzielle Themen ins Licht rückt
Imago / Frank Sorge

Der erste Kuss will ihnen noch nicht recht gelingen. Sie tasten sich an ihr Begehren heran. Es muss erst ausgehandelt werden: in der Rückversicherung, ob die Zärtlichkeit dem anderen auch gefällt. Sie, das sind Adam (Andrew Scott) und Harry (Paul Mescal), die einzigen Bewohner eines ansonsten rätselhaft leeren Apartmenthauses. Beide sind homosexuell, doch Harry geht offensiver damit um als Adam. Die Liebesbegegnung mit dem jüngeren, einfühlsamen Nachbarn ist der erste engere Kontakt, den Adam seit Ewigkeiten knüpft. Ist es schon Zeit für Vertrauen und Hingabe – oder gilt es, noch zu zögern?

Adam steckt in einer tiefen Sinnkrise, der Drehbuchautor findet keine Inspiration für sein nächstes Buch. Eines Tages sucht er das Haus in der Vorstadt auf, in dem sich seine Kindheit zutrug. Seine Eltern kamen bei einem Verkehrsunfall ums Leben, als er kaum zwölf Jahre alt war. Unversehens steht jetzt der Vater (Jamie Bell) vor ihm, der ihn ins Haus einlädt. Dort freut sich die Mutter (Claire Foy), ihn nach langer Zeit wiederzusehen.

Gesten führen ins Kindesalter zurück

Die Eltern nehmen ihn zunächst als Erwachsenen wahr, wollen wissen, wie es ihm seither ergangen ist. Im Haus scheint sich seit 1987 nichts verändert zu haben. Das beiderseitige Staunen ist groß. Aber insgeheim hat Adam diese Zeitkapsel nie ganz verlassen. Auch musikalisch mag der Film sich nicht aus ihr lösen, der Soundtrack prunkt mit den Pophymnen der Ära.

Die Erinnerungen können nun aktiv in die Gegenwart übersetzt, Unerledigtes kann aufgearbeitet werden. Adams spätes Coming-out verstört die Mutter vorerst. Seine Sehnsucht, vom Vater tröstend in den Arm genommen zu werden, erfüllt sich. Im Prinzip hat Adam nun die Chance, als Erwachsener mit ihnen eine Beziehung einzugehen. Die Dialoge gehen sehr wohl in diese Richtung, aber Adams Blicke und Gesten führen immer mehr ins Kindesalter zurück. Andrew Scott spielt diese Verwandlung wunderbar einnehmend.

Erzählt Andrew Haigh eine Geistergeschichte oder nehmen Träume vor unseren Augen konkrete Gestalt an? Vielleicht setzt er fortan ja Adams Drehbuch in Szene? Der Regisseur legt Fährten zu all diesen Möglichkeiten aus. Die erste Einstellung, in der Adams Spiegelbild sich wie eine Doppelbelichtung über das ferne, nächtliche Panorama Londons legt, könnte auch ihn als Geist ausweisen.

Figuren öffnen sich für magischen Raum

Aber Haigh treibt kein intellektuelles, philosophisches Spiel mit ungesicherten Realitätsebenen, sondern forscht, wie belastbar die freigesetzten Emotionen sind. Haigh öffnet für seine Figuren einen magischen Raum. Es liegt ein ungeheurer Zauber von Eindringlichkeit in dieser neuen Verbindung, die eingegangen wird im Zeichen von Trauer, Erkenntnis und Offenheit.

Foy und Bell sind jünger als Scott, aber überzeugen in ihrer elterlichen Reife. Die Mutter bemerkt, dass Adam ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ist. „Es ist so, als ob ich euch zwei gleichzeitig vor mir sehe“, sagt sie. Auch für diese Übertragung nimmt sich dieser großzügige Film Zeit. Wenn er eine Geistergeschichte erzählt, dann eine entschieden taktile: Er entspinnt sich in einer tröstlichen Choreographie der Berührungen und Zärtlichkeiten.

Die Eltern sind zur Stelle, als Adam sie dringend braucht. Sie sind untypische Geister, denn sie kennen die Regeln nicht, denen ihre Präsenz gehorcht. Die Einsamkeit ihres Sohnes schmerzt sie, aber sie spüren, dass sie ihn wieder freigeben müssen. Eine schönere Lebensermutigung als ihr Bekenntnis, ihn noch mehr zu lieben, seit sie ihn besser kennen, wird man in diesem Jahr schwerlich hören.

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