Angesichts der Bedrohung der Demokratien muss Deutschland nach Einschätzung der Bertelsmann Stiftung die Widerstandsfähigkeit stärken. Nötig seien unter anderem eine gemeinwohlorientierte Digitalisierung sowie eine bessere Einbindung der Bürger, erklärte der Vorstand der Stiftung am Dienstag in Gütersloh. Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Hannes Ametsreiter, warb für eine Steigerung der privaten und öffentlichen Gesamtausgaben für Forschung und Innovation auf mindestens 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Neben dem Druck von außen werde die Demokratie in Deutschland durch schwindendes Vertrauen sowie durch Polarisierung herausgefordert, sagte die Vorständin Daniela Schwarzer. Zur Absicherung der Demokratie gehöre der Erhalt demokratischer Diskursräume. Dazu brauche es eine europäische Tech-Souveränität sowie mehr Schutz vor gezielter Desinformation.
Deutschland müsse einerseits nötige Transformationsprozesse umsetzen, erklärte Schwarzer. Zugleich müsse der gesellschaftliche Zusammenhalt gestärkt werden. Besonders die jüngere Generation müsse stärker in die demokratischen Prozesse eingebunden werden. Die größte Gefahr sei, wenn Menschen das Gefühl hätten, abgehängt zu sein, warnte sie.
Eine wettbewerbsfähige, resiliente Demokratie brauche eine souveräne, am Gemeinwohl orientierte digitale Infrastruktur, unterstrich die Vorständin Brigitte Mohn. Hierzu sei eine Digitalisierung nötig, die die Prinzipien von Rechtsstaatlichkeit, Nachhaltigkeit, Toleranz und Vielfalt sowie das Gemeinwohl als Fundament beinhalte. Das könne nur im europäischen Rahmen gelingen.
Das von der Stiftung angestoßene Projekt „EuroStack“ mache sich dafür stark, dass Daten als gemeinsame Ressource zur Erschließung von Innovation für das Gemeinwohl dienten, erläuterte Mohn. Außerdem solle gewährleistet werden, dass die kritischen digitalen Infrastrukturen in Europa unter europäische Gesetzgebung fielen.
Deutschland müsse gemeinsam mit europäischen Partnern Innovationen bei Zukunftstechnologien vorantreiben, erklärte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Hannes Ametsreiter. Wohlstand sei ein wichtiger Garant einer stabilen Demokratie. Nötig seien Bürokratieabbau, die Digitalisierung von Verwaltungen, die Modernisierung von Infrastruktur sowie Anreize zur Steigerung der Arbeitsproduktivität, hieß es. Zudem müssten mehr Fachkräfte aus dem Ausland geworben und möglichst viele Menschen in Erwerbsarbeit gebracht werden.
Im Jahr 2024 hat die Bertelsmann Stiftung nach eigenen Angaben für ihre Arbeit 77 Millionen Euro aufgewendet, das sind eine Million Euro mehr als im Vorjahr. Für die Stiftung arbeiten mehr als 330 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Standorten Gütersloh und Berlin. Hinzu kommen die verbundenen Organisationen in Washington und Barcelona. Seit ihrer Gründung im Jahr 1977 habe die Bertelsmann Stiftung rund zwei Milliarden Euro für gemeinnützige Zwecke zur Verfügung gestellt.
Die Stiftung hält die Mehrheit des Aktienkapitals des Medienkonzerns Bertelsmann. Die von dem Unternehmer Reinhard Mohn ins Leben gerufene Stiftung arbeitet nach eigenen Angaben parteipolitisch neutral.