Beklemmendes Kammerspiel zum Überleben nach dem Klimakollaps bei Arte

Sinnkrise auf einer rostigen Plattform im Ozean

2063: Vier Menschen arbeiten auf der fast völlig überfluteten Erde auf einer Plattform im Ozean. Angesichts eines auftauchenden Geisterschiffs denken sie an Flucht. Ein Spielfilm erzählt von ihrem Mit- und Gegeneinander.

Die Klimakatastrophe, die sich durch mit Hitzewellen, schmelzenden Polkappen und steigenden Meeresspiegel ankündigt, ist in dieser Dystopie des estnischen Regisseurs Tanel Toom düstere Wirklichkeit geworden. Wir schreiben das Jahr 2063. Die Erde ist, ähnlich wie in Kevin Costners "Waterworld" (1995), fast vollständig vom Wasser bedeckt. Nur zwei Kontinente existieren noch. Doch anstatt gemeinsam die Erde zu retten, stehen sie sich unversöhnlich in einem Krieg gegenüber.

Vor diesem Hintergrund erzählt Toom die Geschichte von drei Männern und einer Frau, die als Angehörige des Militärs auf einer rostigen Plattform, einem Ölturm gleich, Dienst tun. Es ist ein militärischer Außenposten, mitten im Ozean gelegen, 3.000 Kilometer vom Festland entfernt. Arte zeigt den Science-Fiction-Film am 16. Juni ab 22.35 Uhr.

Wasser also, wohin das Auge schaut, Einsamkeit und Unwirtlichkeit - ein beklemmendes Bild. Zwei Jahre müssen Sergeant Hendrichs (Thomas Kretschmann), Corporal Cassidy (Kate Bosworth), Sullivan (Lucien Laviscount) und Baines (Martin McCann) hier ausharren - und die Ablösung lässt seit drei Monaten auf sich warten. "We are fucked", sagt einmal jemand, und das beschreibt die aussichtslose Situation der Figuren so lakonisch wie präzise. Seit 40 Jahren wurde kein Feind mehr gesichtet; "Keine Vorkommnisse" trägt der diensthabende Wachsoldat Tag für Tag ins Logbuch ein. Herrscht überhaupt noch Krieg? Niemand weiß es. Bis plötzlich ein Geisterschiff in Sichtweite der Plattform auftaucht. Vielleicht die Möglichkeit, endlich nach Hause zurückzukehren.

Tanel Toom, bekannt geworden durch sein Epos "Wahrheit und Gerechtigkeit" (2019), verlässt sich in seinem ersten englischsprachigen Film "Last Contact" auf die dramaturgischen und visuellen Einschränkungen, die er sich selbst auferlegt hat. Fast der gesamte Film spielt auf der Plattform, die schon bessere Zeiten gesehen hat. Nur selten wechselt der Schauplatz, etwa wenn Sullivan mit einem Boot zum Geisterschiff fährt und es inspiziert. Das Innere der Plattform ist beengt, fast klaustrophobisch. Nur Baines verleiht seinem Arbeits- und Wohnbereich mit farbenfroher Unordnung ein persönliches Flair. Mit dem leuchtenden Schriftzug "Don"t touch my shit" verteidigt er seine Privatsphäre.

Auch wenn "Last Contact" in der Zukunft spielt - visuell lässt er sich eher schwerlich dem Genre der Science-Fiction zuordnen. Dafür ist das Set-Design zu alltäglich, zu unmodern, zu schmutzig, zu analog. Filmemacher Toom geht es vor allem um die Beziehung der vier Menschen an Bord der Plattform, um ihre Charaktere und ihre Motive. Dabei im Mittelpunkt: Thomas Kretschmann als prinzipientreuer Soldat, der allein den Vorschriften folgt und damit seine Untergebenen gegen sich aufbringt.

Doch auch die anderen Figuren verfolgen ihre eigene Agenda, die sich erst im Laufe des Films enthüllt. Präzise fächert der Regisseur ihre Konfrontationen und Konflikte auf. Das Warten ist hier, ähnlich wie in Samuel Becketts Bühnenklassiker "Warten auf Godot" (1952), die Aussicht auf die Erfüllung eines Versprechens. Wo es keinen Feind mehr gibt, herrscht kein Krieg mehr; wo kein Krieg mehr herrscht, muss man nicht mehr Wache stehen - dazu passt, dass der Film im Original "The Last Sentinel" heißt, zu Deutsch: "Der letzte Wachposten". Aber: Sicher sein kann man nicht.

Jede der vier Figuren geht mit dieser existenziellen Sinnkrise anders um. Toom verweigert sich dabei konventionellen Thriller-Elementen. Mehrmals löst er Spannungsmomente mit einer Antiklimax auf. Die Action beschränkt sich auf wenige Szenen, und ihre Auswirkungen sind oft nur aus der Ferne zu beobachten. Das macht aus "Last Contact" ein Kammerspiel, das die Erwartungen des Publikums an einen Science-Fiction-Film geschickt unterläuft.

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