Bauern und Bürger protestieren gegen die Obrigkeit

Vor 500 Jahren wurde das Kartäuserkloster Ittingen zerstört

Vor 500 Jahren kam es im Raum Stein am Rhein, Stammheim und der Kartause Ittingen zu einem Aufstand der Bauern und Bürger. Die Menschen gaben sich mit den religiösen, politischen und sozialen Zuständen nicht mehr zufrieden. Am 19. Juli 1524 gipfelte dieser Unmut im Brand der Kartause Ittingen, eines Kartäuserklosters.

Auslöser war die Gefangennahme des reformatorisch gesinnten Pfarrers Hans Öchsli von Burg bei Stein am Rhein durch den katholischen Landvogt Joseph Amberg von Frauenfeld. In einer Nacht- und Nebelaktion wurde der Pfarrer festgenommen und Richtung Frauenfeld verschleppt.

Die Sturmglocken läuteten noch in der Nacht zum 18. Juli. Rund 70 Bauern und Bürger bewaffneten sich, um den Pfarrer zu befreien. Sie zogen durch Stammheim, nur acht Kilometer entfernt. Mit dem Untervogt Hans Wirth und seinen Söhnen, beide evangelische Prediger, schlossen sich immer mehr Männer an. Als die Menge am Ufer der Thur angekommen war, sollen es rund 3.000 gewesen sein.

Doch Pfarrer Öchsli war bereits über den Fluss und weiter nach Frauenfeld gebracht worden. So entlud sich die Wut auf die Obrigkeit, die auch in den Klöstern verortet wurde, am Kartäuserkloster Ittingen. Es lag in der Nähe, mit seinen reichen Kellern, seiner Kirche und Kirchenschätzen. Die immer noch wachsende Menge brach gewaltsam ins Kloster ein, verlangte zunächst Verköstigung, verwüstete dann jedoch die Gebäude.

Schlösser wurden aufgebrochen, Kirchenfenster, Bilder und sakrale Gegenstände zerschlagen und Sakramente geschändet. Die Mönche wurden verhöhnt und gezwungen, die Kutten abzulegen, die genau wie wertvolle Kirchengewänder zerschnitten wurden. Den Fischen im Teich ließ man das Wasser ab, die Vorräte wurden geplündert und der Wein floss in Strömen.

Der Rat aus dem reformierten Zürich schickte noch am selben Tag Abgesandte, um die Stürmenden zu beruhigen und zum Abzug zu bewegen, ohne Erfolg. Am 19. Juli 1524 wurde das Kloster angesteckt und in Schutt und Asche gelegt.

Mit den Ereignissen von damals befasst sich das Projekt „1524 Stürmische Zeiten“ von Vertretern aus drei Schweizer Kantonen, Museen und Kirchengemeinden, das sich ab dem 7. April diesem Thema in sechs Ausstellungen annimmt. Felix Ackermann, verantwortlich für die Ausstellung des Ittinger Museums und Kunstmuseums Thurgau, erläuterte das Geschehen, das im Chaos doch eine gewisse Logik hatte: „Gezielt wurde das Archiv zerstört, die gesamten Dokumente vernichtet. Das zielte klar auf die Herrschaft.“ Die gewalttätigen Ereignisse werden mit zehn großformatigen Abbildungen illustriert und auf einer Zeitachse geordnet.

Verständlicher wird das Geschehen im Zeitbezug: Seit 1519 predigte Huldrych Zwingli am Grossmünster in Zürich. Die reformatorische Lehre verbreitete sich zunehmend auf dem Land, vor allem in Gemeinden, die der Zürcher Gerichtsbarkeit unterstanden. Die Bilderfrage wurde heiß diskutiert.

Auch in Stammheim kam es zu Bilderzerstörungen, die ihren Höhepunkt am 24. Juni 1524 mit dem „Bildersturm“ fanden. Die Eidgenossen, insbesondere in den katholischen Orten, sahen darin einen Akt der Kirchenschändung.

Der Brand und die mutwillige Zerstörung des Klosters Ittingen allerdings alarmierte die Obrigkeit. Einen „Flächenbrand“ wollte man unbedingt vermeiden. So wurden vier Rädelsführer ausgemacht: die Untervögte von Stammheim und Nussbaumen, Burkhart Rüttimann, Hans Wirth sowie seine Söhne Hans und Adrian. Sie wurden festgesetzt, nach Baden überführt und nach schwerer Folter und Gerichtsverfahren enthauptet.

Allein Adrian Wirth wurde begnadigt. Pfarrer Öchsli wiederum wurde aus der Haft in Frauenfeld entlassen. Damit war ein Flächenbrand abgewendet. Die Glaubenskonflikte waren damit jedoch nicht befriedet. Sie flammten bis ins 19. Jahrhundert immer wieder auf, bis die Kartause Ittingen im Jahr 1848 aufgelöst wurde. (0654/25.03.2024)

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