Die letzten freien und fairen Parlamentswahlen in Bangladesch fanden im Jahr 2008 statt. Seitdem prägen Machtkonzentration, politische Repression und umstrittene Urnengänge das politische System des südasiatischen Landes. Am 12. Februar 2026 soll sich das ändern.
Rund 2.000 Kandidatinnen und Kandidaten treten landesweit an, darunter 78 Frauen. Gewählt werden 300 Abgeordnete direkt, dazu kommen 50 Parlamentssitze, die für Frauen reserviert sind. Mit der Wahl entscheidet sich die politische Richtung eines 170 Millionen Einwohner starken Landes, das sich nach Jahren autoritärer Herrschaft neu orientieren will. Auch über eine Verfassungsreform wird abgestimmt, die zur Demokratisierung des Landes beitragen soll, darunter mit einer Begrenzung der Amtszeit der Ministerpräsidenten.
Den Weg zur Wahl ebnete ein Umbruch im Sommer 2024: Wochenlange Proteste, zunächst getragen von Studierenden, später auch von Arbeitern und anderen gesellschaftlichen Gruppen, stürzten das Regime von Ministerpräsidentin Sheikh Hasina, die im August nach Indien floh. Zahlreiche führende Mitglieder ihrer Partei, der Awami-Liga, folgten ihr. Ein Sondergericht in Bangladesch verurteilte sie unterdessen in Abwesenheit wegen Menschenrechtsverbrechen zu lebenslanger Haft, weitere Urteile folgten. International sind sie jedoch umstritten.
Nach Monaten der politischen Konsolidierung kündigte die Übergangsregierung unter Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus Neuwahlen an. Ziel sei es gewesen, grundlegende Freiheiten wiederherzustellen und Vertrauen in staatliche Institutionen zurückzugewinnen. Aktivitäten der Awami Liga wurden verboten, die Partei ist von den Wahlen ausgeschlossen. Dabei stand die Parte einst für den Unabhängigkeitskampf und soziale Gerechtigkeit.
„Der Ausschluss der Awami Liga hinterlässt eine Repräsentationslücke“, sagt Politologin Jasmin Lorch vom auf entwicklungspolitische Fragen spezialisierten IDOS-Institut in Bonn. Sie schätzt, dass die Partei weiterhin rund 30 Prozent der Bevölkerung hinter sich hat. Gleichzeitig habe sich die Partei unter Hasinas Führung „in eine geschlossene autoritäre Herrschaft verwandelt“, und die Parteiführung habe 2024 schwerste Menschenrechtsverletzungen befehligt. Während der Proteste starben laut Schätzungen 1.400 Menschen. Die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, sei dringend nötig, der Ausschluss der gesamten Partei jedoch problematisch.
Als stärkste verbliebene Kraft gilt die Bangladesh Nationalist Party (BNP). Über Jahrzehnte war sie die Gegenspielerin der Awami Liga. Nach dem Tod der früheren Ministerpräsidentin Khaleda Zia steht ihr Sohn Tarique Rahman im Zentrum der Partei. Seine kürzliche Rückkehr aus dem Exil nährt bei vielen Anhängern die Hoffnung auf einen Machtwechsel. Doch ob die konservativ geprägte BNP eine echte programmatische Alternative bietet, bleibt offen. Sie muss es fast schon, denn „das politische Spektrum ist derzeit stark eingeschränkt“, sagt Lorch.
Der Wahlkampf wird durch konservative Kräfte geprägt. Die Partei Jamaat-e-Islami wurde unter Hasinas Regierung massiv unterdrückt, nun tritt sie wieder offen auf. „Jamaat kann eine Art Märtyrerrolle unter der vergangenen Diktatur für sich reklamieren - obwohl sie historisch selbst Teil autoritärer Gewalt war“, sagt Lorch. Viele Ältere haben das nicht vergessen. Jamaat steht für eine Islamisierung des politischen Systems ein. Zuletzt fiel die Partei durch frauenfeindliche Aussagen auf. Nun verspricht sie, Frauen in die Regierung einzubinden.
In Teilen kooperiert Jamaat mit der National Citizen Party (NCP), die aus der Studierendenbewegung hervorging. In 30 Wahlkreisen tritt die NCP an, in den meisten von ihnen verzichtet Jamaat auf eigene Kandidaten. „Der Zusammenschluss war eine schwierige, aber strategische Entscheidung, keine ideologische“, erklärt NCP-Sprecher Asif Mahmud.
Diese Konstellation bereitet Beobachtern Sorge. Zwar haben sich die politischen Freiräume geweitet, doch gewinnen religiös-konservative Positionen an Einfluss, die andere einschränken könnten, etwa durch die Angst vor Mobgewalt. „Der Demokratisierungsprozess ist durch islamistische Strömungen gefährdet“, bestätigt Lorch.
Die Wahlen werden so zum Gradmesser. Sie könnten einen Neubeginn markieren, finden aber unter eingeschränkten Bedingungen statt. Entscheidend, so Lorch, werde sein, „ob eine neue Regierung tatsächlich wieder abgewählt werden kann“. Erst dann werde sich zeigen, ob Bangladesch auf einen stabilen demokratischen Kurs zurückkehrt.