Bahnunternehmen setzen auf Deeskalation

Private Bahnunternehmen in Hessen und Rheinland-Pfalz schulen ihr Zugpersonal darin, dass Konflikte mit Fahrgästen sich möglichst nicht aufschaukeln. Die Hessische Landesbahn (HLB) stellt keinen signifikanten Anstieg von tätlichen Übergriffen auf ihre Zugbegleiter fest. Spürbar sei allerdings, dass es bei einem Konflikt, zu dem die Polizei hinzugerufen wird, „leider zunehmend lange dauert“, bis diese vor Ort ist, sagte Peter Runge, Leiter für den HLB-Bereich Markt und Fahrgast, am Donnerstag dem Evangelischen Pressedienst (epd). Dies habe in der Folge zur Eskalation einzelner Vorfälle geführt.

Die Devise laute bei der HLB deshalb, „wenn irgend möglich“ Eskalationen zu vermeiden. Eine Statistik zu tätlichen Angriffen werde nicht geführt. Das Personal der Hessischen Landesbahn - sie ist über die Beauftragung durch den Rhein-Main-Verkehrsverbund zuständig für den Personennahverkehr mit Bus und Bahn in Teilen von Hessen und streckenweise auch über die Landesgrenzen hinaus - werde „intensiv in Konfliktlösung und Deeskalation geschult“, um tätliche Situationen von vornherein zu vermeiden, erläuterte Runge.

Versuchsweise seien Bodycams eingeführt und über längere Zeiträume getestet worden. Deren Einsatz habe sich allerdings noch nicht überall als hilfreich gezeigt, unter anderem, weil das Personal sie nicht wollte. In den vergangenen Jahren seien alle Zugfahrten im Nahverkehr mit Zugbegleitern besetzt worden, betonte Runge. Dies gelte „ausnahmslos“ auch auf Linien mit weniger Fahrgästen.

Das Bahnunternehmen vlexx mit Sitz in Mainz teilte mit, dass das „Aggressionspotenzial gegenüber Zugpersonal insgesamt zugenommen“ habe. Schwere körperliche Angriffe gegen eigene Mitarbeiter seien dabei zuletzt allerdings seltener geworden. Dafür komme es häufiger zu verbalen Anfeindungen oder Spuckattacken. Das Unternehmen, das zahlreiche Regionalbahnstrecken in Rheinland-Pfalz und dem Saarland, aber auch die Regionalexpress-Linien zwischen Frankfurt a. M. und Koblenz oder Saarbrücken über Mainz bedient, investiert nach eigener Aussage ebenfalls in „regelmäßige Deeskalationstrainings“.

„Unsere Erfahrungen zeigen, dass bestimmte Situationen ein erhöhtes Konfliktpotenzial bergen - etwa Fahrkartenkontrollen ohne gültigen Fahrschein mit anschließendem Beförderungsausschluss oder Hinweise auf Fehlverhalten wie Rauchen im Zug, das Sichern von Fahrrädern oder das Verstauen von Gepäck“, teilte eine Sprecherin mit. Der tödliche Angriff auf den Zugbegleiter vom Montagabend verdeutliche leider, wie schnell Situationen kippen könnten.

Die Deutsche Bahn zählte im vergangenen Jahr mehr als 3.000 Angriffe auf Bahnpersonal. Das seien rund acht pro Tag, teilte ein Sprecher des Konzerns mit. Die Tendenz gegenüber 2024 sei gleichbleibend auf hohem Niveau, die Hälfte der Angriffe betreffe das Zugpersonal im Regionalverkehr.

Am Montagabend war der Zugbegleiter Serkan C. bei einer Fahrkartenkontrolle in einem Regionalexpress auf der Fahrt zwischen dem rheinland-pfälzischen Landstuhl und Homburg im Saarland von einem Reisenden ohne Fahrschein mehrfach mit der Faust gegen den Kopf geschlagen worden. Der 36-jährige Bahnbedienstete erlitt eine Hirnblutung und verstarb am Mittwochmorgen an den Folgen seiner Verletzungen.

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