Hoffnung in Zeiten von Pandemie, Klimakrise und Kriegsangst? Viele Menschen haben ihre Zuversicht verloren. Doch ein neues Buch macht Mut, neue Wege der Hoffnung zu entdecken.
"Erwachsene sagen immer wieder: Wir sind es den jungen Leuten schuldig, ihnen Hoffnung zu geben. Aber ich will eure Hoffnung nicht." Mit diesen drastischen Worten hat die schwedische Schülerin Greta Thunberg beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2019 dem Prinzip Hoffnung eine Absage erteilt. "Ich will, dass ihr in Panik geratet, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre."
Hoffnung in Zeiten des Klimawandels? Der Heidelberger Altphilologe Jonas Grethlein (46), Träger des renommierten Leibniz-Preises der Deutschen Forschungsgemeinschaft 2024, hat der Hoffnung ein neues Buch gewidmet und eine "Geschichte der Zuversicht von Homer bis zum Klimawandel" vorgelegt.
Es ist ein Durchgang durch drei Jahrtausende westlicher Philosophie- und Geistesgeschichte. Doch der gebürtige Münchner hat das Thema Hoffnung am eigenen Leib erprobt: Als er mit 27 Jahren die Diagnose Krebs erhielt, stürzte das den jungen Wissenschaftler "von der Überholspur des Lebens in eine existenzielle Krise". Trost und Zuversicht suchte der Sohn des evangelischen Theologen Christian Grethlein bei den alten Griechen und in der Bibel. Grethlein las Achill, Odysseus, Abraham und Hiob mit ganz neuen Augen. 2022 veröffentlichte er das Buch "Mein Jahr mit Achill. Die Ilias, der Tod und das Leben".
Ausgerechnet Achill: Dieser rasende, jähzornige Kämpfer aus Homers Epos? Achill hat die Wahl gehabt, ob er lieber ein langes Leben oder den Ruhm wolle, und sich ohne zu zögern für den Ruhm und damit auch für den Tod in der Schlacht entschieden. Für Grethlein symbolisiert er die Brüchigkeit des Lebens. Die Ereignisse laufen so unberechenbar und weitgehend unbeeinflussbar ab wie eine Krebserkrankung. Das eigene Leben und Überleben hängt von Dingen ab, die keine tiefere Notwendigkeit besitzen, aber mit unwidersprechlicher Gewalt ihr Urteil fällen. Und doch kann man damit leben.
In seinem neuen Buch hat der Heidelberger Wissenschaftler das Thema Hoffnung geweitet - und auf die aktuelle politische Situation bezogen: eine Situation, in der immer mehr Menschen durch eine unausweichlich scheinende Klimakrise, die zurückkehrende Kriegsgefahr in Europa und die Erfahrungen einer tödlichen Pandemie ihre Zuversicht verloren haben.
Die Mehrfachkrise hat der Hoffnung eine neue Konjunktur bei Philosophen, Psychologen und Politikern beschert. "Firmierte sie im Mittelalter zusammen mit Glauben und Liebe als theologische Tugend, so wird sie jetzt als politische Tugend gehandelt", schreibt der Altphilologe.
Dabei ist Hoffnung durchaus zwiespältig - wie der berühmte Satz von Greta Thunberg zeigt: Hoffnung kann vertrösten, vom Handeln ablenken, Wunschdenken erzeugen. Schon den Stoikern wie Seneca war sie suspekt, weil sie als Emotion den Seelenfrieden störte und dem Ideal der Freiheit von Leidenschaften widersprach. Andererseits, so der Autor, kann Hoffnung Kräfte wecken, zum Handeln antreiben. "Hoffnung ist das, was die meisten Menschen nährt", sagte der antike Philosoph Sophokles.
Grethlein positioniert sich klar: "Hoffnung ist mehr als ein Gefühl, ich würde sagen, dass es sogar ein Weltverhältnis ist und dieses Weltverhältnis ist verankert in unserer Offenheit zur Zukunft", schreibt er. Hoffnung mache den Menschen zum Menschen. In fast allen Menschen gebe es eine Art "Grundhoffnung, dass der nächste Tag gut wird", ein allgemeines Vertrauen, dass es irgendwie weiter geht. Hoffnung hilft, morgens aufzustehen, Krisen zu bewältigen und die Welt aktiv zu gestalten.
Das gilt für den Autor auch in einer Zeit, in der die großen Geschichten und Verheißungen vom Fortschritt und die religiösen Hoffnungen auf ein Leben im Jenseits tief erschüttert sind. Es sei schwer, heutzutage noch ganz große Hoffnungen zu haben, betont er. Und ermuntert zur Zuversicht der kleinen Hoffnungen: Dem Gefühl, einer von Menschen gemachten Apokalypse ausgesetzt zu sein, könnten positive Veränderungen im eigenen Umfeld entgegengesetzt werden. Durch kleine Schritte in Familien, Bekanntenkreis oder dem Wohnumfeld könne es gelingen, eine neue Form der Hoffnung zu entwickeln.