Lautes Donnern und Knallen. Es hört sich an wie Schüsse – am helllichten Tag, hier im Wald von Nairobi. Einige Menschen in der Gruppe zucken zusammen.
Zum Glück kommt der bedrohliche Lärm nur aus den Kopfhörern, die die rund 60 Frauen und Männer auf den Ohren tragen. Bei ihrem Spaziergang durch den Karura-Wald lauschen sie einem Hörspiel: Es führt sie zurück in die 1950er Jahre, als sich in Kenia die Freiheitskämpfer der „Kenya Land and Freedom Army“ gegen die britische Kolonialherrschaft erhoben. Die Macher sprechen von Audio-Filmen, mittlerweile gibt es mehrere Folgen.
Mũtana Gakurũ hat „Sounds of Freedom” gegründet, um die Erfahrungen und Geschichten der Freiheitskämpfer erfahrbar zu machen. “Die Leute, die den Krieg miterlebt haben, sind alt und sterben”, sagt Gakurũ. Und mit ihnen ihre Erinnerungen und Erzählungen. “Wir müssen die Geschichten auf so viele Arten wie möglich zugänglich machen.”
Umgerechnet etwa sieben Euro kosten die Tickets für die sieben Kilometer lange Tour. Die Truppe ist an diesem Sonntagmorgen bunt gemischt, die Mehrheit sind junge Kenianerinnen und Kenianer. Eine Frau mit grauen Haaren sticht heraus. Sie ist die Dichterin Wanjĩra Mũthoni, die das Gedicht „Was bleibt“ geschrieben hat, das zu Beginn der Tour über die Kopfhörer zu hören ist.
Heute läuft die zweite Hörspiel-Folge, „Der Eidbrecher“. Die „Kenya Land and Freedom Army“, auch „Mau Mau“ genannt, war eine Guerillabewegung, die durch Angriffe auf britische Infrastruktur den Abzug der Kolonialmacht erwirken wollte. In der Erzählung geht es um Kirima, der gerade aufgenommen wurde und vom Schicksal direkt in ein moralisches Dilemma geworfen wird: Er soll den Sohn des britischen Offiziers töten, mit dem er als Kind gespielt hat. Er bringt es nicht übers Herz. Sein Vorgesetzter bestraft ihn nicht – doch jetzt steht Kirima in dessen Schuld.
Kurze Pause. Zeit, einen Moment Luft zu holen, Wasser zu trinken und – wie die Stimme auf den Kopfhörern empfiehlt – darüber nachzudenken, was man selbst gemacht hätte, wäre man im Kenia der 1950er Jahre unterwegs gewesen. Dann der Auftritt des Helden Dedan Kimanthi, General und Koordinator des Widerstands: “Beantworte mir eine Frage: Wofür kämpfst du?”, fragt er den Protagonisten Kirima – und vielleicht auch das Publikum. Kirima kommt sich vor wie ein Versager. Doch dann rettet er bei einem britischen Bombenangriff Kimathi das Leben. Und realisiert: Die Vision eines freien Kenias ist es wert, dafür zu kämpfen. Unzählige Menschen waren nicht frei, Hunderttausende wurden in umzäunte Dörfer umgesiedelt und zur Zwangsarbeit verpflichtet, damit sie nicht nachts die Widerstandskämpfer versorgen konnten.
Wer im Verdacht stand, mit den „Mau Mau“ gemeinsame Sache zu machen, landete im Gefängnis. Hunderttausende wurden gefoltert, um ihnen Informationen über den Widerstand zu entpressen. Familien wurden in Sippenhaft genommen. Schätzungen zufolge wurden Zehntausende Menschen auf britischen Befehl getötet. Die „Mau Mau“ wiederum ermordeten rund 30 britische Siedlerinnen und Siedler und Hunderte Kenianerinnen und Kenianer, die sie für ihre Kollaboration mit den Briten bestraften. 1963 wurde Kenia schließlich unabhängig.
Die nächste Pause ist an Höhlen, in denen sich vor rund sieben Jahrzehnten Kämpfer versteckt hielten. Der Baum, an den sich Mũtana Gakurũ nun lehnt, diente ihnen als Wachturm. Gakurũ lädt ein zum Gespräch, will aufklären und diskutieren. Bei der Regierung Präsident William Ruto, gegen die im vergangenen Jahr junge Menschen quer durch Kenia auf die Straße gegangen sind, fiel er dennoch auf. Sie habe in seinem Umfeld nachgefragt, ob die Touren junge Leute radikalisierten, erzählt Gakurũ. „Vielleicht inspirieren”, ruft eine Frau und ein junger Mann beginnt den Demo-Ruf, der seit Juni immer wieder auf den Protesten erschallte: “Ruto must go”.
So verbinden sich für Gakurũ und sein Team die Freiheitskämpfe vergangener Generationen mit dem Einsatz für Freiheit heute. Diesen Raum zum Nachdenken, für Gespräche und zur Entwicklung zivilgesellschaftlichen Engagements wollen sie aufrechterhalten und ausbauen. Gakurũ sagt: “Was wir machen ist eine Mischung aus Bildung, Unterhaltung und ziviler Verantwortung.”