Unter dem Eindruck weitflächiger Bauernproteste steht das Jahr 2024 bislang: gutes Timing also für eine historische Doku-Serie über die Landarbeiter und ihre häufigen Konflikte mit weltlicher und religiöser Obrigkeit.
"Wem gehört das Land?" Diese Fragestellung ist zentral, wenn es um einen der ältesten Berufe der Menschheit geht: den Berufsstand der Bauern. Schließlich ist kaum eine andere Tätigkeit so untrennbar mit dem Boden, der Erde, dem Grund verbunden. Weshalb die Frage nach den entsprechenden Besitzverhältnissen schnell über Wohlstand oder Armut, Wohl oder Wehe jener entscheidet, die dieses Land tagein, tagaus bewirtschaften. Die vierteilige Doku-Serie "Pflügen, ackern, kämpfen: Die Geschichte der Bauern", die Arte am 23. April von 21.30 bis 1.15 Uhr ausstrahlt, wirft einen umfassenden Blick auf diese wie andere Fragestellungen des bäuerlichen Lebens und Wirtschaftens.
Die Geschichte der europäischen Bauern, heißt es hier, beginnt im 6. Jahrhundert nach Christus - sozusagen in den Ruinen des gerade untergegangenen Römischen Reiches. Wenige schriftliche Zeugnisse gibt es vom frühen Leben und Arbeiten der Bauern. Wenn überhaupt, tauchen diese indirekt auf, in Heiligenviten oder Psalmen: etwa als niemals ruhende Arbeiter, gezeichnet an die Ränder religiöser Texte - der Film zeigt beispielhaft ein liebevoll gestaltetes Werk aus dem 9. Jahrhundert.
Oder aber Mönche schrieben auf, wenn es einen Konflikt um Land gab. Denn Klöster und weltliche Herrscher besaßen und beanspruchten weite Ländereien, unterteilten zudem Landarbeiter in "Freie" und "Unfreie", eigneten sich etwa ab dem Jahr 1000 auch zunehmend die Wälder an, bis dato "Gemeingut". Schließlich wurde das gnadenlose System der Leibeigenschaft eingeführt: In einer grafisch gestalteten Sequenz ist zu sehen, wie die Bauern durch die permanenten Ansprüche der Feudalherren niedergedrückt wurden.
Die Serie erzählt aber auch von einem "goldenen Zeitalter der Bauernschaft", wie es der britische Historiker Chris Wickham hier nennt: das frühe Mittelalter, in dem die Bauern unabhängiger und reicher waren, mehr Land ihr eigen nennen durften. So habe es in der Zeit bis zur Jahrtausendwende wohl eine Art "ländlichen Kommunismus", eine "moralische Ökonomie" gegeben: Die Dorfgemeinschaften wirtschafteten nicht nach kapitalistischen Kriterien, sondern teilten ihren Überschuss unter allen auf.
Es sind Erkenntnisse wie diese oder interessante Hinweise wie jener, dass das lateinische Wort "paganus" sowohl "Bauer" als auch "Heide" bedeutet, die "Die Geschichte der Bauern" sehenswert machen. Wertvoll ist aber auch der umfassende Blick auf einen für unser aller Überleben so zentralen Berufsstand. Der zugleich - das machen gerade auch die aktuellen (gesellschafts-)politischen Konflikte deutlich - ebenso uneinheitlich wie in seinen konkreten Lebensbedingungen dann doch eher unbekannt ist. Klar, jedes Kleinkind "kennt" Bauern, weiß, wer und was (vermeintlich) auf einem Bauernhof lebt. Klar ist aber auch, dass derlei verklärende Bilder häufig nicht (mehr) mit der Realität übereinstimmen, womöglich ohnehin selten der Wirklichkeit entsprachen.
Die Serie von Autor und Regisseur Stan Neumann trägt vieles zusammen: Archivaufnahmen, diverse Historiker und Bäuerinnen als Interviewpartner, unzählige Grafiken, Anekdoten, Dokumente, Geschichten, Aspekte. Leider aber ist Neumanns dramaturgischer und inszenatorischer Zugriff zu schwach, zu unentschieden; bündelt und strukturiert der Filmemacher seine zahlreichen Motive zu wenig, als dass eine stringent erzählte Frage oder "Handlung" entstehen könnten.
Eine deutlichere Engführung der Materie, strengere Auswahl der Gesprächspartner und -themen, überhaupt mehr Gestaltungswillen wären vonnöten gewesen. So aber fasert die Serie in allzu viele Richtungen aus, was auch an der eher wortlastigen Machart liegt, einer wenig eindrücklichen Bildsprache und Grafik. Einen interessanten Einblick in die wechselvolle Geschichte und das oftmals harte Schicksal dieses vielfältigen Berufsstandes bietet die Serie gleichwohl - sie hätte aber, analog zum behandelten Sujet, gerne etwas (zu-)packender und selbstbewusster auftreten dürfen.