AOK: Ärzte in Schleswig-Holstein verordnen mehr Reserveantibiotika

Ärztinnen und Ärzte in Schleswig-Holstein haben im Jahr 2022 rund 430.000 Packungen mit sogenannten Reserveantibiotika für gesetzlich versicherte Patientinnen und Patienten verordnet. Damit entfielen 45 Prozent der Antibiotikaverordnungen auf ein Reserveantibiotikum, ein Anstieg um fünf Prozentpunkte im Vergleich zu 2021, wie die AOK Nordwest am Donnerstag mitteilte. Reserveantibiotika seien Mittel der zweiten Wahl, für deren Einsatz eine strenge Indikation vorgesehen ist.

Tom Ackermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Nordwest, mahnte: „Damit die Medizin ihre therapeutischen Möglichkeiten bei der Behandlung schwerwiegender bakterieller Infektionen nicht verliert, ist ein zurückhaltender und verantwortungsbewusster Einsatz von Reserveantibiotika unbedingt erforderlich.“

Nachdem der Verordnungsanteil von Reserveantibiotika in Schleswig-Holstein jahrelang rückläufig gewesen sei, sei dieser Trend 2022 durchbrochen worden. Die Kasse berief sich auf Zahlen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Reserveantibiotika sollen laut AOK nur dann verwendet werden, wenn Standardantibiotika nicht mehr helfen, beispielsweise bei Infektionen mit Bakterien, die gegen die gängigen Antibiotika resistent sind.

„Je sorgloser Antibiotika verordnet werden, desto häufiger werden Bakterien dagegen resistent“, erläuterte Ackermann. Das Problem der Antibiotika-Resistenzen wird laut AOK dadurch vergrößert, dass die pharmazeutische Industrie in den vergangenen Jahren nur wenige neue Antibiotika auf den Markt gebracht habe. Lieferengpässe bei ausgewählten Antibiotika könnten die angespannte Situation weiter verschärfen, hieß es.

Ackermann erklärte, neben einer zurückhaltenden Verordnung würden auch Wirkstoffe mit neuen Wirkprinzipien benötigt, die in der Lage sind, die gegebenen Resistenzen zu überwinden. Allerdings scheine der betriebswirtschaftliche Anreiz zu fehlen: „Die Pharmaindustrie fokussiert sich lieber auf Wirkstoffe, mit denen noch höhere Preise und noch höhere Umsätze erzielt werden können“, kritisierte der AOK-Chef.

Um hier gegenzusteuern, habe das Bundesforschungsministerium 2018 bis zu 500 Millionen Euro für zehn Jahre bereitgestellt, mit denen unter anderem die Entwicklung neuer Antibiotika unterstützt werden soll. Ackermann erklärte, es müsse sicherstellt werden, „dass die öffentliche Hand bei diesen Wirkstoffen nicht doppelt zur Kasse gebeten wird - einmal für die Forschungsförderung und andererseits für die von der pharmazeutischen Industrie aufgerufenen hohen Preise“.

👋 Unser Social Media