Alkohol, Gewalt, Diebstähle: Kritik an Hamburgs Winternotprogramm

Die Unterbringung obdachloser Menschen in Hamburg braucht nach Ansicht des Sozialverbands (SoVD) eine Neuaufstellung. „Ich finde es sehr tragisch, dass die Hilfe, die die Stadt diesen Menschen zukommen lässt, viele offensichtlich gar nicht erreicht“, sagt Klaus Wicher, Vorsitzender des Hamburger SoVD-Landesverbands. „Immer wieder hören wir, dass nicht nur Frauen, sondern auch viele Männer im Winter nicht in die Sammelunterkunft gehen wollen.“

Am Dienstag war auf der Lombardsbrücke ein mutmaßlich obdachloser Mann (59) tot an einem Zelt gefunden worden. Eine Polizeisprecherin teilte dem Evangelischen Pressedienst (epd) auf Nachfrage mit, zu dem 59-Jährigen hätten sich „bislang keine Hinweise auf ein Fremdverschulden ergeben“. Eine Obduktion sei deshalb nicht angeregt worden.

Dass obdachlose Menschen die Räume des Winternotprogramms der Stadt nicht aufsuchen, hat laut Wicher folgende Gründe: „Sie fühlen sich dort nicht sicher, weil die Atmosphäre von Alkohol und Gewalt geprägt ist, viele haben auch Angst vor Diebstahl ihrer wenigen Habseligkeiten.“

Jörn Sturm, Geschäftsführer des Hamburger Straßenmagazins „Hinz&Kunzt“, sagt dazu: „Die Gründe, die uns genannt werden, sind seit Jahren die gleichen: Es sind zu viele Menschen, die in den Unterkünften aufeinandertreffen. Hinzu kommt, dass dabei Suchtkranke, psychisch Kranke und trockene Alkoholiker aufeinandertreffen, was viele als belastend empfinden.“ Auch mangelnde Privatsphäre, Diebstähle und Gewalt würden gelegentlich als Begründung genannt. Zudem müssten die Obdachlosen das Winternotprogramm tagsüber verlassen.

Wicher fordert von Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer (SPD), beim Thema Obdachlosigkeit genauer hinzusehen: „Es gibt sehr unterschiedliche Ursachen von Obdachlosigkeit. Es gibt aber genauso viele Lösungsansätze, um die Betroffenen zu erreichen.“ Er denke an mehr Housing-First-Angebote, auch für jüngere Menschen, die auf der Straße leben.

Sturm schließt sich Wichers Forderung an: „Wir brauchen besser akzeptierte Unterkünfte.“ Und es braucht „natürlich vor allem Wohnraum, wenn wir obdachlosen Menschen wirklich helfen wollen.“

Nach Wichers Ansicht braucht Hamburg zudem mehr Straßensozialarbeit, „für kurzfristige Hilfen, Wohnungen und langfristig neuen Perspektiven auf ein Dach über dem Kopf“.

Der SoVD-Landesvorsitzende fordert eine grundlegende Neubewertung des Themas: „Diese Idee, vielen Menschen an einem Ort eine Übernachtungsmöglichkeit anzubieten, stammt aus meiner Sicht aus alten Zeiten, wo Obdachlosigkeit vor allem männlich geprägt war. Diese Sicht auf das Thema ist meiner Meinung nach stark veraltet und nicht mehr zeitgemäß!“

Aus Sicht der Sozialbehörde greift die Kritik, Sammelunterkünfte seien nicht mehr zeitgemäß, zu kurz. „Hamburg hat die Unterbringung obdachloser Menschen in den vergangenen Jahren bereits deutlich differenziert und ausgebaut. Das System ist heute vielfältiger, zielgruppensensibler und stärker vernetzt als früher“, sagt Wolfgang Arnhold, Sprecher der Sozialbehörde, dem epd. Die Angebote würden laufend überprüft und weiterentwickelt.

Sicherheitsbedenken nehme die Behörde ernst, sagt Arnhold. In den Übernachtungsstätten des Winternotprogramms würden „klare Regeln“ gelten, „etwa ein Verbot von Alkohol- und Suchtmittelkonsum“. Auch sei dauerhaft Sicherheitspersonal anwesend.

Die Unterbringung erfolgt laut Arnhold überwiegend in Zwei- und Dreibettzimmern mit abschließbaren Schränken und gemeinschaftlichen Sanitäranlagen. Für Frauen und LSBTIQ*-Personen gebe es separate, geschützte Bereiche, ebenso gebe es Angebote für Paare. Besonders vulnerable oder gesundheitlich stark eingeschränkte Menschen könnten in begründeten Einzelfällen in Einzelzimmern untergebracht werden.

Wicher fordert für das Winternotprogramm „auf jeden Fall durchgehende Öffnungszeiten und eine verbesserte Unterbringung mit Verpflegung“. Laut Arnhold ist eine „grundlegende Änderung der Struktur oder der Öffnungszeiten des Winternotprogramms“ zurzeit allerdings „nicht geplant“.

Er verweist darauf, dass das Winternotprogramm aus zwei Komponenten bestehe: „Die Übernachtungsstätten dienen dem nächtlichen Erfrierungsschutz. Tagsüber stehen den Menschen die Tagesaufenthaltsstätten offen, sodass sie nicht gezwungen sind, sich draußen aufzuhalten.“ Zugleich würden die Menschen ermutigt, tagsüber „Schritte zur Stabilisierung ihrer Lebenslage zu gehen, etwa Beratungsangebote wahrzunehmen oder Behörden aufzusuchen“.

Auch zum Thema Sozialarbeit äußert sich Arnhold: „Mit der im Sommer 2025 vorgestellten Neukonzeption der Straßensozialarbeit, die ab Beginn 2026 schrittweise umgesetzt werden soll, wurde ein weiterer wichtiger Schritt getan. Ziel ist eine konsequente, verbindliche und aktivierende Ansprache, um Menschen früher zu erreichen, gesundheitliche Verschlechterungen zu verhindern und komplexe Einzelfälle systemübergreifend besser zu koordinieren.“

Ergänzend setze der Hamburger Landespsychiatrieplan einen Schwerpunkt auf die Versorgung schwer psychisch erkrankter und suchtkranker obdachloser Menschen, sagt Arnhold. Erste Maßnahmen seien bereits umgesetzt, darunter Übergangsplätze für suchtkranke, obdachlose Menschen in der Repsoldstraße 27.

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