Al Pacino war schon immer ein körperbetonter Darsteller: Seine intensiv blickenden Augen, das wilde Haar, die kräftige Nase vergisst man nicht. Mit einer berührenden Mischung aus Melancholie, Verletzlichkeit und blankem Zynismus prägte er Hollywood-Klassiker wie „Hundstage“, „Der Duft der Frauen“, „Carlito’s Way“ oder „Heat“.
Am 25. April wird der Schauspieler 85 Jahre alt. Und er steht noch vor der Kamera, so 2024 in einem Film über den italienischen Künstler Amedeo Modigliani. Regie führte Pacinos Freund Johnny Depp. „Johnny ist ein wilder Kerl und er ist sehr kreativ. Es hat Spaß gemacht, mit ihm zu arbeiten“, sagte Pacino dem Magazin „People“. 1997 hatten Depp und Pacino in dem Mafiafilm „Donnie Brasco“ gespielt und wurden Freunde.
Alfredo „Al“ James Pacino kommt 1940 in der New Yorker Bronx zur Welt, als Kind sizilianischer Einwanderer. Er ist gerade mal zwei, da verlässt Vater Salvatore die Familie, der Junge wächst in ärmlichen Verhältnissen bei seiner Mutter Rose auf. Das Kino wird für ihn zum Fluchtpunkt und Auslöser eines Traums – Schauspieler werden. Er bricht die Schule ab, schlägt sich mit Jobs durch. 1966 wird er an Lee Strasbergs angesehenem „Actor’s Studio“ aufgenommen: „Das war der Wendepunkt in meinem Leben.“
Pacinos Leistung als Junkie in Jerry Schatzbergs „Panik im Needle Park“ (1971), seine erste Hauptrolle, macht Regisseur Francis Ford Coppola auf ihn aufmerksam. „Ich war damals als Schauspieler ein Niemand, wohnte in einem kleinen Loch und schlug mich nebenher als Hausmeister des Gebäudes durch“, erzählte Pacino der Illustrierten „Blick“.
Coppola setzt ihn an der Seite von Marlon Brando in „Der Pate“ ein, als Michael Corleone, Sohn des Clanchefs. Das war 1972 und der Beginn von Pacinos großartiger Karriere. Der Name Corleone hat für den Schauspieler einen besonderen Reiz: Sein Großvater stammt aus dem sizilianischen Ort Corleone. Der „Pate“ wird ein Riesenerfolg. Coppola und Pacino bringt er eine Oscar-Nominierung: Al Pacino als bester Nebendarsteller, Coppola für die Regie.
Pacino ist auch in den beiden Fortsetzungen des „Paten“ dabei. Filmpartner in Teil II ist Robert De Niro. Die beiden stehen mehrmals zusammen vor der Kamera, so auch 2019 in Martin Scorseses Thriller „The Irishman“. Der Film thematisiert das mysteriöse Verschwinden des Gewerkschaftsführers Jimmy Hoffa, gespielt von Pacino.
Zwar verkörpert er meist taffe Kerle, aber er kann auch anders: In „Frankie und Johnny“ ist er umwerfend als Koch, der sich in eine Kellnerin (Michelle Pfeiffer) verliebt. Es ist ein witziges Alltagsmärchen mit einem sehr emotionalen Pacino – wohl seine sanfteste Rolle.
Er hat für viele Top-Regisseure gearbeitet, für Sidney Lumet in „Serpico“, für Brian De Palma in „Scarface“, für Michael Mann in „Heat“, der Geschichte eines missglückten Banküberfalls mit Geiselnahme. In Steven Soderberghs „Ocean’s Thirteen“ glänzt er als betrügerischer Hotelier.
Doch der Schauspieler akzeptiert längst nicht jede Rolle. So lehnte er den Part des Colonel Kurtz in „Apocalypse Now“ ab, den dann Brando übernahm. Und auch in „Pretty Woman“ wollte Pacino nicht mitspielen. „Ich hätte den Film ruiniert, und Richard Gere war wirklich gut“, sagte er einmal dazu.
Die cleveren Kriminellen, die harten Cops, die Politiker, die zwielichtigen Geschäftsleute, die Militärs, die Showgrößen, die er verkörpert – sie sind Charaktere, die Verletzlichkeit und Einsamkeit hinter einer zynischen Maske verbergen. So wie der erblindete Colonel Slade in „Der Duft der Frauen“, den Pacino als verbitterten Zyniker mit eigentlich weichem Herzen spielt. Dessen versteckte Gefühle machen sich bisweilen nur durch unartikuliertes Kreischen und Toben Luft. Diese Rolle brachte Pacino den Oscar als bester Hauptdarsteller.
2024 erschien seine Autobiografie „Sonny Boy“. Darin berichtet er auch über eine traumatische Nahtod-Erfahrung, als er 2020 an Covid erkrankte und nur knapp überlebte.
Pacino, bis heute Junggeselle, hatte diverse Beziehungen, etwa mit Diane Keaton oder mit der Schweizer Schauspielerin Marthe Keller. Mit Kollegin Beverly D’Angelo bekam er 2001 Zwillinge, die Schauspiellehrerin Jan Tarrant ist Mutter seiner Tochter Julie Marie, geboren 1989. Im Juni 2023, mit 83, wurde Pacino zum vorerst letzten Mal Vater – die Filmproduzentin Noor Alfallah brachte Sohn Roman zur Welt.
Shakespeare-Fan Pacino hat immer auch Theater gespielt und selbst inszeniert. 1996 erfüllte er sich einen Traum, als Regisseur, Produzent und Hauptdarsteller in „Al Pacino’s Looking for Richard“: Ein intelligenter, unterhaltsamer Film über den Versuch eines Regisseurs, Shakespeare auf die Leinwand zu bringen.