Aggressionen in der Bahn: “Ich hau’ dir auf die Schnauze”

Wie Zugbegleiter lernen, mit kritischen Situationen umzugehen

Mit wippenden, ausgreifenden Schritten durchmisst ein Hooligan den Zugwaggon. Seine Faust donnert gegen die Toilettentür. Suchend wendet er den Blick nach rechts und links. Dann heften sich seine Augen auf einen in seinem Sitz versunkenen älteren Mann. Der Senior hat den Kopf zwischen die Schultern gezogen. „Hey Oppa, rück das Handy raus“, brüllt der Hooligan ihn an und haut ihm mit der flachen Hand die Schiebermütze vom Kopf.

Die Umstehenden schauen interessiert zu. Die Szene in dem abgestellten Waggon der Nordwestbahn am Osnabrücker Hauptbahnhof ist gestellt, sie gehört zum Kurs „Zivilcourage im öffentlichen Personenverkehr“. „Hooligan“ Polizeihauptmeister Carsten Weidanz und „Oppa“ Polizeihauptkommissar Hermann Lampen demonstrieren einen typischen Überfall: Ein selbstbewusst auftretender Täter sucht sich ein ängstliches Opfer aus und attackiert es verbal und körperlich.

„Nach diesem Muster läuft jeder Übergriff ab“, erklärt Lampen, Kursleiter und Präventions-Beauftragter bei der Bundespolizei. Fast alle Teilnehmenden haben solche oder ähnliche Szenen schon in der Realität erlebt. Sie sind Zugbegleiter der Nordwestbahn. Beleidigungen und Beschimpfungen seien heutzutage an der Tagesordnung, erzählt Melanie, die den Job seit 22 Jahren ausübt: „Das kann ich schon gar nicht mehr zählen.“

Auch gedroht worden sei ihr schon, mit Sätzen wie „Ich hau’ dir auf die Schnauze“ oder „Ich komm’ dich zu Hause besuchen“. Fahrgäste ohne Fahrschein hätten sie schon bespuckt, geschubst, getreten oder geschlagen. Einzig einen Übergriff mit einer Waffe habe sie bisher nicht erlebt, sagt die 46-Jährige.

Erst Mitte April hatte Bahnchef Richard Lutz beklagt, dass Bahnmitarbeitende 2024 rund 3.300 körperliche Übergriffe erlitten hätten. Das seien knapp sechs Prozent mehr als im Vorjahr gewesen.

Lampen rät bei solchen Zahlen allerdings zur Vorsicht. Die Polizeiliche Kriminalstatistik sei etwa stark vom Anzeigeverhalten beeinflusst, wobei auch die Medienberichterstattung eine Rolle spiele. Insgesamt werde Deutschland immer sicherer. Die Zahl der Straftaten liege heute weit unter der von 1993.

Der Sozialforscher Olaf Lobermeier, Professor an der Ostfalia Hochschule in Braunschweig/Wolfenbüttel, bestätigt: „Wenn öffentlich etwa über Jugendgewalt diskutiert wird, steigt die Zahl der angezeigten Jugenddelikte. Das schlägt sich direkt in der Kriminalstatistik nieder.“

Dennoch halten beide Experten Zivilcourage- und Deeskalationstrainings gerade im Personenverkehr für unverzichtbar. „Eine polizeiliche Begleitung in sämtlichen Zügen ist schlicht nicht zu leisten. Also sind die Zugbegleiter auf sich allein gestellt“, sagt Lobermeier. Durch deeskalierende Kommunikation und Verhaltensweisen ließen sich viele Situationen bereits im Frühstadium entschärfen.

„Wir möchten euch dafür sensibilisieren, dass ihr selbst einen Beitrag dazu leisten könnt, dass ihr euch sicherer fühlt“, erläutert Lampen während des Trainings. Kollege Weidanz erklärt den Kursteilnehmenden: Sie sollten selbstbewusst auftreten, bei der Fahrkartenkontrolle Abstand halten und stets aufmerksam sein. „Routine ist tödlich. Das eine Prozent der Fahrgäste, das Ärger machen könnte, müsst ihr vorher erkennen.“

Lampen lässt die Teilnehmenden Notfallvorrichtungen und Videokameras inspizieren und eine Fahrkartenkontrolle simulieren. „Stell dich so, dass du die Fahrgäste vor dir hast“, korrigiert er die Seminarteilnehmerin und Zugbegleiterin Melanie.

Die Bundespolizeiinspektion Bad Bentheim hat das Zivilcourage-Training - das an Schulen schon seit einigen Jahren angeboten wird - gemeinsam mit Lobermeier und seinem Team entwickelt. Nach einer Evaluation wolle sie den Kurs bundesweit für Bahnbedienstete möglich machen, sagt Polizeihauptkommissar Lampen.

Falls es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen dennoch zu einer Eskalation komme, sei es wichtig, andere Fahrgäste auf die Situation aufmerksam zu machen, wendet sich der Präventionsexperte wieder an seine Schülerinnen und Schüler. Das gelte ebenso, wenn Fahrgäste in Gefahr gerieten: „Macht euch bemerkbar. Die Erfahrung zeigt, dass viele Menschen bereit sind, zu helfen. Es schauen nicht alle weg.“

Melanie ist am Ende des Trainings überzeugt, dass sie einige neue Verhaltensweisen in ihrem Alltag ausprobieren wird. Katja will bei den Fahrkartenkontrollen künftig mehr Abstand halten. Davon abgesehen hat sie aber seit Längerem eine eigene Strategie entwickelt: „Auf bestimmten Abschnitten kontrolliere ich gar nicht mehr.“

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