Autismus ist eine Störung der neuronalen Entwicklung. Betroffene weisen sowohl Einschränkungen in der sozialen Interaktion und Kommunikation als auch sich wiederholende, unflexible Verhaltensmuster auf, sagt Julia Gille, Chefärztin an der Asklepios Kinderklinik in St. Augustin, im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Ob ein Kind Autist ist oder nicht, können Eltern ärztlich testen lassen. Möglich ist das u.a. in der Klinik, in der Gille arbeitet. Die Diagnose erfolge dort in mehreren Schritten, sagt Chefärztin Dorothea Jacobs.
In der Vergangenheit unterschieden Ärzte laut Gille unter dem Oberbegriff „Tiefgreifende Entwicklungsstörungen“ zwischen dem „Frühkindlichem Autismus“, dem „Atypischen Autismus“ und dem „Asperger-Syndrom“. So sah es der sogenannte deutsche ICD-10-Diagnoseschlüssel vor, den es bald nicht mehr geben wird. Mit ihm fällt die Unterteilung in die drei Varianten weg.
Ersetzt wird der bisherige Schlüssel durch den bereits entwickelten ICD-11-Diagnoseschlüssel. In ihm findet man laut Gille die Kategorie „Neuroentwicklungsstörungen“ und in ihr lediglich die „Autismus-Spektrum-Störung“. Diese werde aber „je nach Vorhandensein von Beeinträchtigungen der funktionellen Sprache und erreichter Intelligenzentwicklung noch einmal unterteilt“.
Beim Test auf Autismus wird laut Jacobs „ein ausführliches Anamnesegespräch mit den Eltern und ggf. weiteren Bezugspersonen über die kindliche Entwicklung, das Verhalten und die Kommunikationsfähigkeit geführt“. Auch Informationen zu Schwangerschaft und Geburt würden abgefragt. „Das Verhalten des Kindes in verschiedenen Kontexten ist ein weiterer wesentlicher Teil der Untersuchung.“ Zur objektiveren Beurteilung würden oft standardisierte diagnostische Instrumente verwendet, bei dem das Verhalten des Kindes in vorgegebenen Situationen bewertet werde. Ergänzend werde ein spezielles Elterninterview durchgeführt. „Nach Ausschluss anderer Störungen wird die Diagnose letztlich nach der Zusammenschau der Befunde gestellt“, so Jacobs.
Um die soziale Interaktion und die Kommunikation betroffener Kinder zu verbessern, erhielten diese individualisierte verhaltenstherapeutisch basierte Therapien, berichtet Jacobs. Zugleich würden die primären Bezugspersonen bei der Entwicklung einer förderlichen Eltern-Kind-Interaktion angeleitet. Bei Patienten mit Intelligenzminderung stünden die Förderung alltagspraktischer Fertigkeiten und sich an die Gegebenheiten anpassendes Verhalten im Vordergrund der Therapie. Bei älteren Kindern sei eine Gruppentherapie zur Förderung der sozialen Interaktion, der Handlungsplanung und Emotionsregulation sinnvoll.
Medikamente würden lediglich zur Behandlung einer eventuellen Begleitsymptomatik eingesetzt, sagt Jacobs. Das könnten beispielsweise starke Unruhe, Impulsdurchbrüche oder stark ausgeprägte Wiederholungshandlungen sein.